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KENNTNISSE ZUR MUNDGESUNDHEIT VON BUNDESWEHRSOLDATEN UNTER BERÜCKSICHTIGUNG DES SEIT 1990 GÜLTIGEN KONZEPTES DER INDIVIDUAL- UND GRUPPENPROPHYLAXE

Knowledge of Oral Health among German Soldiers considerating the current Individual and Group Prevention Program of the Bundeswehr

Aus der Sektion Klinische und Experimentelle Orale Medizin (Leiter: Univ.-Prof. Dr. med. dent. habil. T. W. Remmerbach) an der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Leipzig

Steffen Busse, Markus Kircheis, Torsten W. Remmerbach

WMM, 59. Jahrgang (Ausgabe 1/2015; S. 8-13)

Zusammenfassung Hintergrund: Das im Jahre 1990 in der Bundeswehr gestartete Programm einer kostenfreien zahnmedizinischen Individual- und Gruppenprophylaxe wurde bisher nicht evaluiert. Ziel dieser erstmalig durchgeführten Studie war es deshalb, den Wissensstand der Teilnehmer über Mundgesundheit zu eruieren und in diesem Zusammenhang zu klären, ob sich eine kostenfreie Individual- und Gruppenprophylaxe positiv auf das Wissen der Soldaten über Mundgesundheit auswirkt.

Material und Methode: Die Studie wurde an 459 Soldaten im Alter von 18 bis 52 Jahren durchgeführt. Es erfolgte eine Aufteilung in die Gruppe der Bundeswehranteile („B“ – regelmäßige Untersuchungen / Behandlungen bei der Bundeswehr) und Erstvorsteller („E“ – Erstvorstellung bei der Bundeswehr zur Untersuchung/Behandlung), unter Berücksichtigung der verschiedenen Schulbildungen (Abitur und Haupt-/Realschulabschluss).

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass das Wissen zum Thema Mundgesundheit insgesamt verbesserungswürdig ist. Beim Vergleich der Anteile weisen die Bundeswehrangehörigen in fast allen Kategorien (Zahnputzhäufigkeit, Hilfsmittel für die Mundhygiene, Fluoridierung, säurehaltige Nahrungsmittel und „versteckte“ Zucker) ein signifikant (p < 0,001) besseres Wissen gegenüber den Erstvorstellern auf. Bei den verschiedenen Schulbildungen wurden lediglich statistische Trends, jedoch keine signifikanten Unterschiede offenbart. Schlussfolgerung: Das Wissen über Mundgesundheit und die damit verbundenen Einstellungen und Verhaltensweisen der meisten Probanden sind verbesserungswürdig. Es konnte jedoch auch gezeigt werden, dass kostenfreie Individualund Gruppenprophylaxeprogramme zu signifikant besseren Ergebnissen führen. Schlüsselwörter: Bundeswehr, Mundgesundheit, Mundhygiene, Individual- und Gruppenprophylaxe

Summary

Background: A cost free individual and group prevention program to enhance oral and dental health among German soldiers, which was started in 1990, has not been evaluated by now. The aim of this study was to determine the knowledge of oral health among the participants and to elucidate whether an individual or group prevention program can have positive impact on this knowledge.
Material and method: The study was carried out on 459 German soldiers aged from18 to 52 years. The study group in addition to the overall investigation was divided into group “B” (soldiers of the German armed forces being regularly seen by an army dentist) and group „E“ (new recruits who haven’t been seen by an army dentist before) as well as into groups of different school education levels.
Results: The results reveal an expandable knowledge of oral health. In most of the categories (frequency of tooth brushing, implements for oral hygiene, knowledge of fluoride use, acid-containing food and „hidden“ sugar) we found evidence that group “B” has a significantly better knowledge than group “E” (p<0,001). Concerning different school levels there were only statistical trends but no significant differences between participants with an a-level or a regular high school graduation.
Conclusions: The knowledge of oral health and the attitude towards it, is still improvable. Nevertheless, it could be shown that the free individual or group prevention programs of the German armed forces are leading to significantly better results in oral prevention.
Key words: Bundeswehr, German armed forces, oral health, oral hygiene, individual and group prevention

Einführung

„Schön ist es, für die Kranken besorgt zu sein, ihrer Gesundheit wegen; viel schöner ist es, für die Gesunden besorgt zu sein, ihres Nichterkrankens wegen!“ (Hippokrates 460 - 377 v. Chr.). Diese Aussage zeigt, dass die Krankheitsvermeidung durch Primärprävention keine Neuentdeckung der modernen Medizin ist. Besonders zutreffend ist dieses Zitat in Bezug auf die Mundgesundheit, da Erkrankungen wie Karies und Parodontitis zu den Zivilisationskrankheiten zählen und damit als vermeidbar eingestuft werden [12]. Trotzdem ist in hoch entwickelten Industrieländern eine ausgeprägte Häufigkeit dieser Erkrankungen festzustellen. So leiden in Deutschland bei den 35 bis 44-Jährigen 75 % an einer moderaten oder schweren Form der Parodontitis. Weniger als 1 % hat ein kariesfreies Gebiss [11]. Die Bundeswehr verfügt seit mehreren Jahrzehnten über ein eigenes, für den Soldaten kostenfreies Prophylaxekonzept, welches im Jahre 1990 für jeden Sanitätsoffizier Zahnarzt in Form des „KIP“ (Konzept Individualprophylaxe) verbindlich wurde [7]. Unter diesen Gesichtspunkten soll die vorliegende Studie Aufschluss darüber bringen, wie hoch der Wissensstand zum Thema Mundgesundheit ist, welchen Einfluss die Schulbildung hat und ob sich eine Individual- und Gruppenprophylaxe auch nach dem 18. Lebensjahr positiv auswirkt.

Material und Methode

Die Studie wurde im Zeitraum vom 15.12.2003 bis 09.06.2004 an 459 Soldaten in der Kaserne Schneeberg durchgeführt. Die Teilnehmer waren im Alter zwischen 18 und 52 Jahren. Durch einen Fragebogen wurden unter anderem die Zahnpflege- und Ernährungsgewohnheiten, sowie das damit verbundene Wissen über die Mundgesundheit eruiert. Darüber hinaus wurden auch die Rauchgewohnheiten der Teilnehmer betrachtet. Die Analyse des Fragebogens wurde nicht nur für die gesamte Untersuchungsgruppe durchgeführt. Eine Aufteilung in Probanden, die das erste Mal bei der Bundeswehr zur Untersuchung oder Behandlung waren (Erstvorsteller „E“) und Probanden, die bereits Untersuchungen oder Behandlungen bei der Bundeswehr erhielten (Bundeswehranteil „B“), sollte klären, ob sich eine umfassende kostenfreie Individual- und Gruppenprophylaxe, wie sie bei der Bundeswehr durchgeführt wird, positiv auf das Wissen über Mundgesundheit und Mundhygiene auswirkt. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse der Abiturienten mit denen der ehemaligen Haupt-/Realschüler verglichen.
Zur Feststellung von Assoziationen zwischen interessierenden Merkmalen wurde der Chi-Quadrat-Test angewendet. Sollten die Voraussetzungen für diesen Signifikanztest nicht erfüllt gewesen sein, so wurde der exakte Test nach Fisher verwendet. Es wurde auf einem Signifikanzniveau von 5 % getestet. Für Mehrvergleiche erfolgte eine a-Adjustierung nach Bonferroni. Für die Analyse der Daten wurden die Ergebnisse mit denen der Deutschen Mundgesundheitsstudien III (1997) und IV (2005) verglichen.

Ergebnisse und Diskussion

Mundhygieneverhalten
Alle Probanden wendeten eine Zahnbürste für die Mundpflege an. Dass die Zahnbürste das am häufigsten gebrauchte Hilfsmittel zur Zahnpflege darstellt, wird durch die IV. DMS (Deutsche Mundgesundheitsstudie) bestätigt [11]. Bei der Zahnzwischenraumhygiene wird die Zahnseide (36,6 %) dem Zahnstocher aus Holz (29,2 %) und der Interdentalraumbürste (18,6 %) vorgezogen. Im Vergleich zur IV. DMS (44,1 %) nutzten weniger Probanden die Zahnseide. Interdentalraumbürsten und Zahnstocher (Holz) wurden, ebenso wie Mundspüllösungen und Kaugummis, etwas häufiger genutzt, als bei den Befragten der IV. DMS [11]. Der III. DMS ist zu entnehmen, dass die Probanden mit einem höheren Schulabschluss eine intensivere Zahnpflege betreiben als diejenigen mit einem niedrigen Schulbildungsniveau [10]. In der durchgeführten Studie kann dieser Zusammenhang in Bezug auf die Hilfsmittel zur Mundpflege nicht eindeutig bestätigt werden. So finden Zahnseide, Interdentalraumbürsten, Kaugummis und Mundspüllösungen bei den Abiturienten etwas häufiger Anwendung als bei den ehemaligen Haupt-/Realschülern. Ein signifikanter Unterschied konnte nicht ermittelt werden. Die Vermutung des positiven Effekts einer Individual- und Gruppenprophylaxe wird durch den Vergleich der Anteile „B“ und „E“ dargestellt: Die Probanden aus dem Bundeswehranteil nutzten sowohl Zahnseide (50,4 % versus 17,6 %) als auch Interdentalraumbürsten (23,3 % versus 3,6 %) signifikant häufiger als die Erstvorsteller (Tabelle 1: Hilfsmittel bei der Mundhygiene).
In den westlichen Industrieländern stellt die Zahnreinigung mit Zahnbürste und Zahnpasta die am weitesten verbreitete Form der täglichen Mundhygiene dar [3]. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung der täglichen Mundhygiene in großen Teilen der Bevölkerung fest verankert ist. In der III. und IV. DMS wird eine „gute“ Mundhygiene als zweimal tägliches Zähneputzen für mindestens zwei Minuten definiert, wobei eine Zahnreinigung entweder nach einer Mahlzeit oder vor dem ins Bett gehen stattfinden muss [10, 11].
Über 80 % der erwachsenen Teilnehmer der III. und IV. DMS gaben an, sich mindestens zweimal pro Tag die Zähne zu putzen [10, 11]. In unserer Studie lag der Wert des mehrmaligen Zähneputzens pro Tag mit 70,6 % deutlich unter den Vergleichsstudien. 28,1 % der Befragten führten eine einmal tägliche Mundpflege durch. Addiert man diese Werte, so ist festzustellen, dass fast alle Probanden täglich die Zähne putzten. Da orale Mikroorganismen mindestens 24 h benötigen, um eine stoffwechselaktive Plaque auf der Zahnoberfläche zu synthetisieren, würde theoretisch eine einmal tägliche Mundhygiene ausreichen. Da die meisten Menschen jedoch keine Plaquefreiheit durch eine einmal tägliche Zahnpflege erreichen, ist eine mehrmalige Zahnpflege pro Tag zu empfehlen [15]. Bezogen auf den Bildungsgrad putzten die ehemaligen Gymnasiasten mit 76,3 % etwas häufiger als die Haupt- und Realschulabsolventen mit 69,8 % mehrmals täglich die Zähne. Für einen signifikanten Unterschied zwischen den Bildungsgraden reicht diese Abweichung nicht. Es ist aber ein statistischer Trend sichtbar, welcher die Ergebnisse der praktizierten Mundhygiene der III. DMS in Bezug auf die Schulbildung bestätigt [10]. Anders verhält sich dies bei der Einteilung der Probanden nach den Anteilen „E“ und „B“. Es werden wiederum signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Anteilen sichtbar (p < 0,001). Die Anteile „B“ sind mit 82,5 % bei der Antwort „mehrmals täglich“ deutlich häufiger vertreten als die Erstvorsteller mit 54,4 %. Die Probanden aus dem Bundeswehranteil liegen mit einem Ergebnis von über 80 % im Bereich der III. und IV. DMS [10, 11]. (Tabelle 2: Wie oft putzen Sie Ihre Zähne?)

Ernährung und Mundgesundheit
Bei der Frage nach der Beziehung zwischen der Ernährung und der Zahngesundheit gaben immerhin 77,1 % der Befragten an, dass sie diesen Zusammenhang kennen. Bei der Einbeziehung des Faktors Bildung wurde die Tendenz sichtbar, dass mit einer zunehmenden Bildung diese Erkenntnis einem größeren Teil der Probanden bewusst wurde. Zwischen den Anteilen „B“ (82,7 %) und „E“ (69,4 %) waren diese Unterschiede noch deutlicher. In diesem Fall besteht eine signifikante Differenz (p = 0,001).
Verschiedene Nahrungsmittel besitzen unterschiedlich stark schädigende Wirkungen auf die Zähne. Hierfür wurden beispielhaft die Nahrungsmittel Zucker, Honig, Zitrone und Cola ausgewählt. Zucker wurde vom größten Teil der Probanden als „stark“ schädigend eingestuft. Sowohl in Bezug auf die Schulbildung als auch bei der Unterteilung der Anteile konnten keine signifikanten Unterschiede eruiert werden. Dies zeigt, dass der größte Teil der Probanden bei eindeutig gekennzeichnetem Zucker („offene Zucker“) den Einfluss auf die Zähne zu kennen scheint („100 g Cola enthalten 8 - 11 g Zucker“) [16]. Auch hier ist das Wissen der Probanden auf einem relativ hohen Niveau. Denn immerhin 60,1 % der Befragten sahen Cola als „stark“ und 36,8 % als „mäßig“ schädigend an. Sowohl bei den Anteilen als auch bei der Schulbildung konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Der Glaube, dass „natürliche Zucker“, wie zum Beispiel Honig, in Hinblick auf die Karies „gesünder“ seien, entbehrt jeder wissenschaftlich fassbaren Grundlage, denn 100g Honig enthalten 75g Zucker [16]. Somit sind die Antworten von einem Großteil der Befragten in Bezug auf den Honig kritisch zu bewerten. Hierbei wird von den meisten Probanden von einem „mäßig“ (42,5 %) oder „wenig“ (29,8 %) schädigenden Potenzial ausgegangen. Bezüglich des Bildungsgrades konnten keine nennenswerten Unterschiede gefunden werden. Betrachtet man jedoch die Anteile, so fällt auf, dass ein signifikant größerer Teil der Bundeswehranteile das schädigende Potential „stark“ oder „mäßig“ einschätzt, als es bei den Erstvorstellern der Fall war (p = 0,004) (Tabelle 3: Was schadet Ihren Zähnen aus Ihrer Sicht? (Honig))
Auch säurehaltige Lebensmittel können zu Zahnschädigungen führen. Hierbei wird der Zahn durch eine direkte Demineralisation geschädigt [5]. Beim Saft der Zitrone, mit einem pH-Wert von 2, ist dieser Abtrag der Zahnhartsubstanz (Zahnerosion) besonders stark [6]. In diesem Zusammenhang wird ersichtlich, dass die schädigende Wirkung der Zitrone von den meisten Probanden sehr stark unterschätzt wurde. Lediglich 3,9 % sahen eine „starke“ und 29,4 % eine „mäßige“ Schädigung. Trotz des insgesamt unbefriedigenden Ergebnisses wurde sichtbar, dass sich die Befragten mit einem höheren Schulabschluss durch ein etwas besseres Wissen auszeichnen. Bei den Anteilen wussten erneut die Bundeswehranteile signifikant (p < 0,001) besser Bescheid als die Erstvorsteller (Tabelle 4: Was schadet Ihren Zähnen aus Ihrer Sicht? (Zitrone))

Fluoride Für die Kariesprophylaxe sind Fluoride in dreifacher Weise von herausragender Bedeutung. Sie hemmen den Plaquestoffwechsel der Bakterien [4], reduzieren die Säurelöslichkeit des Zahnes [14] und fördern die Remineralisation nach einer Demineralisation [20]. Der regelmäßige Gebrauch von fluoridhaltigen Zahnpasten [18, 19] oder Mundspüllösungen [9] ist somit ein wichtiger Faktor bei der Verringerung der Kariesprävalenz. Daher wird empfohlen, mindestens zweimal täglich die Zähne mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta zu reinigen [17]. Trotz der positiven Effekte besteht ein enormes Defizit in Bezug auf das Wissen über Fluorid in Zahnpasten. Bezieht man hier wieder den Bildungsgrad mit ein, so kommt man zu dem Schluss, dass das Wissen bei den Abiturienten etwas höher ist als bei den ehemaligen Haupt- bzw. Realschülern. Aber auch hier ist lediglich ein statistischer Trend ersichtlich. Ein wesentlich deutlicherer Zusammenhang (p < 0,001) ist bei der Analyse der Anteile „B“ und „E“ festzustellen.
Des Weiteren wurden innerhalb des Fragebogens einige Thesen zum Thema Fluorid aufgestellt. Die Betrachtung der Aussagen „fluoridiertes Trinkwasser schützt die Zähne“ und „Fluoride beugen Karies vor“ ergab, dass innerhalb der Gesamtstudienkohorte kein ausreichendes Wissen zur Wirkung von Fluoriden auf die Zähne besteht. Bei der Betrachtung der Untergruppen wurde das Bild schon etwas klarer. Hier wussten die Abiturienten etwas besser als die Haupt- bzw. Realschulabsolventen Bescheid. Signifikant war dieser Unterschied jedoch nicht. Deutlicher waren die Differenzen zwischen den Probanden aus dem Bundeswehranteil und den Erstvorstellern (p < 0,001).

Prophylaxemaßnahmen
Die heutige Gesundheitsstruktur verlangt nach umfassenden Prophylaxemaßnahmen. Diese sollen sich kariesreduzierend, aber auch kostendämpfend auswirken. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei eine richtige und frühzeitige Aufklärung über die Risiken und Folgen einer unzureichenden Mundhygiene. Bei dieser Umsetzung spielt der Zahnarzt eine sehr bedeutende Rolle. So war in der vorliegenden Studie festzustellen, dass sich die meisten Probanden (91,3 %) keinen Rat zum Thema Mundgesundheit in den vergangenen zwölf Monaten von jemand anderem, außer ihrem Zahnarzt, eingeholt haben.
Beim Kauf von Zahnpflegeartikeln haben die Beratung durch den Zahnarzt (30,3 %), der Markenname (28,5 %) und die Werbung (22,2 %) den größten Einfluss. Der Fluoridgehalt (14,8 %) und „weißmachende“ Zahncremes (13,1 %) spielen in der Kategorie „stark“ nur eine untergeordnete Rolle. Erstaunlich ist, dass der Markenname oder die Werbung einen fast genauso starken Einfluss auf das Konsumverhalten der Befragten hat, wie die Beratung durch den Zahnarzt. Es zeigt sich, dass die Medien und die Industrie das Prophylaxeverhalten der Bevölkerung enorm beeinflussen. Vergleicht man hierbei die Probanden aus dem Bundeswehranteil und die Erstvorsteller miteinander, so sind bei den Parametern Markenname, Werbung und „weißmachende“ Zahncreme keine signifikanten Unterschiede sichtbar. Die Beratung durch den Zahnarzt und der Fluoridgehalt eines Zahnpflegeartikels spielen hingegen für die Probanden aus dem Bundeswehranteil eine weitaus bedeutendere Rolle als für die Erstvorsteller (p < 0,001).
Die zahnmedizinische Versorgung in Deutschland wird zum Großteil von niedergelassenen Zahnärzten gewährleistet. Hierbei wird das Leistungsspektrum einer Behandlung in nicht unerheblichem Maße durch die Bezuschussung beziehungsweise Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenversicherungen vorgegeben. Maßnahmen, wie die Beratung zur Mundgesundheit, die Versieglung und die Fluoridierung der Zähne, zählen spätestens nach dem 18. Lebensjahr nicht mehr zu diesem Spektrum. Um jedoch weiterhin eine gute Prophylaxe zu gewährleisten, wären die meisten Probanden bereit, für eine professionelle Zahnreinigung (67,5 %) oder eine Versiegelung der Zähne (63,8 %) Geld zu bezahlen. Dies zeigt, dass vielen Probanden die Wichtigkeit dieser Maßnahmen bekannt zu sein scheint. Anders verhält es sich bei der Beratung (18,3 %) und der Fluoridierung (42,3 %). In Bezug auf die Instruktion und Motivation könnte vermutet werden, dass die Probanden entweder der Meinung sind, ausreichend informiert zu sein oder andere Quellen nutzen. Die geringe Bereitschaft für eine Fluoridierung zu bezahlen, lässt auf ein mangelndes Wissen vieler Probanden schließen.
Beim Vergleich der Anteile gibt es lediglich bei der professionellen Zahnreinigung Unterschiede. Hier wären die Probanden aus Bundeswehranteil signifikant häufiger bereit, Geld für diese Maßnahme auszugeben (p < 0,001). (Tabelle 5: Würden Sie Geld bezahlen?)

Rauchen und das Wissen über die Folgen
Die Mundgesundheit kann durch das Rauchen in erheblichem Maße negativ beeinflusst werden. Neben der Erhöhung des Risikos für Parodontalerkrankungen [1], fördert das Rauchen auch die Entstehung von Veränderungen der Mundschleimhaut. Raucher erkranken an bösartigen Neubildungen des Mundes und des Rachens bis zu sechsmal häufiger als Nichtraucher [13].

Der Raucheranteil liegt in der vorliegenden Befragung bei 55,8 % und damit deutlich über dem der männlichen Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland mit 35,8 %. Jedoch ist der Anteil der stark rauchenden Probanden (> 20 Zigaretten täglich) mit 2,3 % im Vergleich zu den männlichen Starkrauchern in Deutschland mit 36,6 % deutlich geringer [2]. Darüber hinaus ist festzustellen, dass sowohl in der durchgeführten Studie als auch auf die Gesamtbevölkerung gesehen die Zahl der Raucher mit zunehmendem Alter abnimmt [2].
Bezüglich des Wissens über den Einfluss des Rauchens auf die Allgemeingesundheit ist ein Wert von 97,3 % als gut zu bewerten. Aufklärungsbedarf besteht hingegen beim Wissen über die schädigende Wirkung des Rauchens auf das Zahnfleisch und die Zähne. Mit 79,7 % beziehungsweise 83,6 % wusste ein zu geringer Anteil der rauchenden Probanden hierüber Bescheid. Insbesondere auf den Zahnerhalt hat das Rauchen einen erheblichen Einfluss. Der Tabakkonsum erhöht das Risiko für Parodontalerkrankungen bis auf das 7-fache [8]. Betrachtet man zusätzlich die verschiedenen Altersgruppen, so wird der Trend sichtbar, dass mit zunehmendem Alter auch das Wissen über die Folgen des Nikotinkonsums zunimmt (Tabelle 6: Einfluss des Rauchens auf die Allgemeingesundheit, das Zahnfleisch und die Zähne in Bezug auf die Altersgruppen). Trotz des vermeintlich höheren Wissenstandes der älteren Probanden sind diese signifikant seltener (p = 0,033) bereit, ihr Laster abzulegen.

Schlussfolgerungen

  • Die Angaben zur Durchführung von Mundhygienemaßnahmen zeigen, dass hier noch Reserven vorhanden sind. In Hinblick auf die Anteile weisen die Bundeswehrangehörigen in fast allen Kategorien (Hilfsmittel für die Mundhygiene, Zahnputzhäufigkeit) ein signifikant besseres Wissen auf. Dies zeigt, dass die Individual- und Gruppenprophylaxe einen positiven Einfluss hat. Dieser Effekt wird bei der Betrachtung der Schulbildung untermauert, wobei in diesem Punkt lediglich statistische Trends aufgezeigt werden konnten.
  • Beim Wissen über den Einfluss der Ernährung auf die Mundgesundheit wirkt sich die Individual- und Gruppenprophylaxe ebenfalls positiv aus. Besonders bezüglich der „versteckten“ Zucker oder der schädigenden Wirkung von Säuren scheinen sich die von der Bundeswehr durchgeführten Prophylaxeprogramme bezahlt zu machen. Eine höhere Schulbildung wirkt sich in diesem Punkt nicht signifikant auf das Wissen zum Thema Ernährung und Mundgesundheit aus.
  • In Bezug auf die effektive Möglichkeit der Kariesprophylaxe durch Fluoride gibt es insgesamt keinen zufriedenstellenden Wissensstand. Jedoch ist sichtbar, dass sich die Individualund Gruppenprophylaxe förderlich auf das Wissen über Fluoride und Zahngesundheit auswirkt. Eine höhere Schulbildung hat nur geringen Einfluss.
  • Als Ratgeber zum Mundgesundheitsverhalten spielt der Zahnarzt eine wichtige Rolle. Der Zahnarzt beeinflusst das Konsumverhalten neben dem Markennamen und der Werbung in nicht unerheblichem Maße. Die Beratung durch den Zahnarzt und der Fluoridgehalt von Zahnpflegepräparaten spielen für die Bundeswehranteile eine weitaus bedeutendere Rolle als für die Erstvorsteller.
  • Die Bereitschaft der Probanden für eine prophylaktische Betreuung zu bezahlen, ist insgesamt relativ zurückhaltend. Am ehesten würden sie für eine Fissurenversiegelung oder eine professionelle Zahnreinigung bezahlen. Hierbei wären die Bundeswehranteile signifikant häufiger bereit für eine professionelle Zahnreinigung Geld auszugeben.
  • Der Raucheranteil ist deutlich höher als in vergleichbaren Studien, jedoch ist die Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten pro Person geringer. Darüber hinaus nimmt mit zunehmendem Alter das Wissen über die Folgen des Nikotinkonsums zu. Trotz des vermeintlich höheren Wissenstandes der älteren Probanden, scheinen diese deutlich seltener bereit zu sein ihr Laster abzulegen.

Abschließend ist festzuhalten, dass das Wissen zum Thema Mundgesundheit und die damit verbundenen Einstellungen und Verhaltensweisen der meisten Probanden noch ausbaufähig sind. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass kostenfreie Individual- und Gruppenprophylaxeprogramme, wie sie bei der Bundeswehr durchgeführt werden, zu signifikant besseren Ergebnissen führen. Diese Erkenntnisse zeigen, dass sich das seit Jahrzehnten bewährte Präventionskonzept der Bundeswehr, unabhängig vom Bildungsstand, positiv auf das Wissen zur Mundhygiene auswirkt. Da sich das Prophylaxekonzept der Bundeswehr in den letzten Jahren nicht grundlegend verändert hat, sind die vorliegenden Daten auch in Ermangelung neuerer Untersuchungen auf diesem Gebiet weiterhin als aktuell und aussagekräftig zu bewerten. Es wäre trotzdem lohnenswert, das Präventionskonzept der Bundeswehr noch intensiver zu untersuchen; hierbei sollten insbesondere klinische Aspekte berücksichtigt werden, um zu zeigen, dass sich ein durch die Individual- und Gruppenprophylaxe vermittelter höherer Wissensstand auch in einem besseren Mundgesundheitszustand wiederspiegelt. Darüber hinaus sollten Longitudinalstudien mit einer regelmäßigen Überprüfung des Wissens, aber auch des oralen Zustandes, folgen. Hierdurch könnten die positiven Aspekte weiter belegt werden und somit als Vorbild für zivile Präventionskonzepte dienen.

Literatur

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Datum: 13.02.2015

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2015/1