DER ALLGEMEINMEDIZIN EIN GESICHT GEBEN!
Interview

DER ALLGEMEINMEDIZIN EIN GESICHT GEBEN!

Interview mit dem Kommandeur Kommando Regionale Sanitätsdienstliche ­Unterstützung, Generalstabsarzt Dr. Dirk Raphael

Das Fähigkeitskommando des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im ­Diezer Schloss Oranienstein ist bundesweit für die regionale sanitätsdienstliche Versorgung der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr zuständig. Gleichzeitig spielt es auch als Truppensteller für die Einsätze sowie bei der Ausbildungs- und Übungsunterstützung eine zentrale Rolle. Generalstabsarzt Dr. Dirk Raphael ist der Kommandeur dieser komplexen Kommando­behörde. Mit ihm sprachen Heike Lange, die Verlegerin des Beta-Verlages, sowie Oberst­arzt Dr. Kai Schmidt, Chefredakteur der WEHRMEDIZIN UND WEHR­PHARMAZIE.

WM: Sehr geehrter Herr Generalstabsarzt Dr. Raphael, das Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung wurde zum Jahresbeginn im Rahmen der Neuausrichtung der Bundeswehr in Diez aufgestellt. Sie sind der erste Kommandeur dieser Kommandobehörde, die als eines der beiden Fähigkeitskommandos des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Schwerpunkt für die regionale SanitätsdienstlicheVersorgung zuständig ist. Wie wollen Sie eine flächendeckende sanitätsdienstliche Unterstützung an den Standorten realisieren, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es hier in der Vergangenheit auch Unmut in der zu versorgenden Truppe gab?

GenStArzt Dr. Raphael: Wir müssen zwei Dimensionen unterscheiden. Einmal die organisatorische Ausgestaltung und Ausplanung und zum anderen die personelle Besetzbarkeit in Qualität und Quantität. Nicht zu verkennen ist, dass wir insgesamt vor einer besonderen Herausforderung hinsichtlich der Umsetzung der Stationierungsentscheidungen und der dieser folgenden sanitätsdienstlichen Versorgung stehen. Viele Standorte bleiben mit weniger Soldaten erhalten; dadurch wird das Versorgungsnetz weitmaschiger und dünner. Das an sich erschwert die Situation. Ganz einfach ausgedrückt: 2.000 Soldaten kann man mit vier Truppenärzten besser versorgen als 1.000 Soldaten mit zwei Truppenärzten. So müssen wir nach Wegen suchen, die Soldaten ingebotenerWeise zu erreichen und über teilweise weitere Entfernungen als bisher eine vernünftige Anbindung und auch eine gesicherte Qualität etablieren.Wir haben zurzeit 218 sanitätsdienstliche Versorgungseinrichtungen, beginnend bei der Arztgruppe B, die nicht ganztägig über die Woche kontinuierlich ärztlich besetzt sind, bis hin zum großen Fachsanitätszentrum. Die neue Systematiklautet: Weniger Einrichtungen, aber dafür durchhaltefähiger und robuster. An den Stellen, wo daraus Distanzen zusätzlicher Art für die Soldaten entstehen, müssen wir im Sinne neuer Paradigmen zu Verfahren kommen, die eine gute und auch belastbare Anbindung erlauben. Das Segment, um das es hier geht, ist im Wesentlichen der Kern der hausärztlichen Versorgung. Es werden möglicherweise bis zu 5.000 Soldaten nach den jetzigen Zwischenständen der Planung betroffen sein mit Entfernungen, die entweder über 30 Minuten Fahrzeit oder über 30 Kilometer liegen. Der Schlüssel hier heißt hausärztliche Versorgung unter Nutzung ziviler Möglichkeiten für das, was im Rahmen des Alltagsgeschehens entstehen kann - die Verletzung, die grippale Erkrankung, sonstige akute Erkrankungen. Aber die wehrmedizinischen Kernaspekte, d. h. die Präventivmedizin im Sinne der Einsatzvorbereitung, die wehrmedizinische Begutachtung und diespezielle Ausbildung der Soldaten für ihre Selbst- und Kameradenhilfe werden eben auch bei größeren Entfernungen weiterhin in eigenen sanitätsdienstlichen Einrichtungendurchgeführt.

WM: In diesem Zusammenhang: Es gibt in der neuen Struktur der Streitkräfte weniger Standorte, aber auch weniger Soldaten. Macht diese Entwicklung Ihre Arbeit einfacher oder gar schwerer?

GenStArzt Dr. Raphael: Das Grundkonzept ist natürlich für die Raum- und Zeitbeziehung ein Erschwernis. Es hätten andere Stationierungsprinzipien greifen müssen, um hier Erleichterungen zu erreichen. Standorte mit einer ausreichenden Versorgungsstärke. Ich will nur mal als Orientierung eine Größenordnung nennen: Für etwa 1.500 Soldaten können wir sicherlich eine gut ausgestattete, gut durchhaltefähige und auch wirtschaftliche Versorgung auflegen. Für rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten sind auch noch tragfähige Lösungen realisierbar. Alles deutlich darunter führt zu Grenzbereichen. Hier gilt es auch, ein Stück Neuland zu betretenund eine zivile Zusatzanknüpfung im Sinne der Anbindung beauftragter Ärzte und Gemeinschaftspraxen, vielleicht sogar beauftragter medizinischer Versorgungszentren zu etablieren. Das wird eine Konstellation sein, an die wir mit den Vor- und Nachteilen iterativ, d. h. in der nächsten Entwicklung, herangehen müssen. Denn was für uns wichtig ist, ist Nähe und unmittelbare Versorgungsmöglichkeiten für unsere Soldaten zu erreichen. Aber wir benötigen natürlich auf der anderen Seite auch eine sachgerechte Dokumentation sowie die Umsetzung von an unser System angepassten Begutachtungsstandards für die tägliche Dienstfähigkeit. Das muss im Dialog mit der zivilen Kollegenschaft erreicht werden. Also auch hier wird Entwicklungsarbeit notwendig sein.

WM: Herr Generalarzt, wie stellen Sie mit weniger Sanitätsdienststellen und einer zentralen Zuständigkeit für ganz Deutschland die Qualität vor Ort sicher? Wie erfolgt die Dienstaufsicht und wie stellen Sie eine zügigere Bearbeitung von Heilfürsorgeangelegenheiten sicher?javascript:zeigeBild(2)

GenStArzt Dr. Raphael: Hier müssen wir zwei Aspekte betrachten: Einmal die Übergangssituation, in der wir uns zurzeit befinden. Wir haben einen neuen Kommandostab und eine bundesweite Zuständigkeit eingenommen im entsprechenden Top-Down-Ansatz der Neuausrichtung. Ganz wesentliche Elemente, die wir brauchen, um die neuen Prinzipien auch umzusetzen, sind noch nicht vorhanden bzw. müssen formiert werden. In der Beantwortung der Frage gehe ich darauf ein, wie wir uns eine Wahrnehmung in der Zukunft vorstellen. Wir sind spezialisiert auf regionale Unterstützung. Einmal auf die ambulante ärztliche, fachärztliche, zahnärztliche und betriebsmedizinische Versorgung. Zum anderen auf die Unterstützung, die für den Ausbildungs- und Übungsbetrieb der Truppe eingebracht werden muss. Das bietet die Chance, dies in gleichartiger Betrachtungsweise für den gesamten Multiplikator der Fläche zu gestalten. Auch hier sind Lerneffekte aufzunehmen und zu verstärken. Wir haben bereits im März die Bearbeitung der speziellen Heilfürsorgeangelegenheiten vom Sanitätsamt der Bundeswehr übernommen. Das Zusammenführen von allen Rand- und Einzelfallproblemen in der ambulanten Versorgung an einer Stelle erhöht das Know-how und den Überblick. Es schafft auch neue Möglichkeiten, Gesamtbilder zu generieren und diese dann auch in die Nutzung zu bringen. Das ist die Spezialisierung und die Rollenübernahme. Wir stehen vor einer guten Entwicklung. Wir müssen aber eines erreichen: Das Prinzip der regionalen Wahrnehmbarkeit muss nicht nur erhalten, sondern verstärkt werden. Das sind für uns die Führungs- und Administrationsaufgaben der zukünftigen bundesweit 13 Sanitätsunterstützungszentren und die Elementarfürsorge – Begutachtung, Primärarztversorgung, Heilfürsorge – in einem Element. Es muss ein gültiges Prinzip sein, möglichst viel auch auf diese Ebene zu verlagern, so dass abgrenzbar, und das ist auch etwas Neues im System, eine bestimmte Qualität bei uns belassen wird. Ich kann mir nach dem jetzigen Stand der Dinge nicht vorstellen, dass z. B. stationäre Psychotherapien in der Peripherie bearbeitet und entschieden werden. Diese werden dort allerdings initiiert und beantragt werden. Auf anderen Feldern da ist sehr wohl vorstellbar, den Sanitätsunterstützungszentren mit ihren Heilfürsorgeelementen einen Entscheidungsspielraumeinzuräumen, z. B. bei der speziellen Medikamenten- und Heilmittelversorgung.

WM: Die Verwendung als Truppenarzt, sozusagen als Hausarzt der Soldatinnen und Soldaten am Standort, wurde im Vergleich insbesondere zur klinischen Arbeit in den Bundeswehrkrankenhäusern oftmals als wenig attraktiv angesehen. Ist hier ein Wandel in der Sichtweise eingetreten? Oder: Hat die Truppenarzttätigkeit ihren besonderen Reiz?

GenStArzt Dr. Raphael: „Weniger attraktiv“, diese Bewertung muss ich nach dem heutigen Stand weiter unterstreichen. Das wird vielfach so empfunden. Es gibt aber eine deutliche Diskrepanz zwischen den Aspekten, die wir objektiv vorfinden. Die materielle Ausstattung der meisten regionalen Sanitätseinrichtungen hat inzwischen einen guten Standard erreicht. Es wird dort durch die Leistungsträger professionelle Arbeit geleistet und die Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden intensiv genutzt. Vor allen Dingen gibt es gegenüber der sehr reglementierten Praxis im GKV-System draußen bei uns doch ausschöpfbare Freiheiten im Rahmen der unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung. Aber leider, und da sprechen Sie einen Punkt an, der uns auch berührt, führt das alles nicht dazu, dass die Reputation dieser Tätigkeit in der Außenwahrnehmung entscheidend besser geworden ist. Das ist einer der Knackpunkte, an denen wir arbeiten müssen. Wir müssen vermitteln, dass sehr viel Wichtiges, Veritables in der täglichen Tätigkeit, in der Wahrnehmung der Gesamtverantwortung für einen Patienten, eben nicht organ- oder teilorganbezogen, steckt und der Mitnahmeeffekt für viele andere Dinge in der weiteren Werdegangsgestaltung enorm ist. Das ist aber etwas, was während der Tätigkeit generiert wird, aber das Schwellenproblem nicht verändert. Das Schwellenproblem ist in der Tat ein erhebliches, weil immer wieder die Truppenarzttätigkeit sozusagen als Verhinderung des Erreichens schneller Weiterbildungsziele gesehen wird. Sie ist aber ein ganz bedeutenderKern unseres Systems und nach wie vor ein ganz wesentlicher Grund für die Einführung und Unterhaltung der Laufbahn der Sanitätsoffizieranwärter. Zudem stellen die Truppenärzte gut ausgebildete Rettungsmediziner für den Einsatz. Was können wir tun? Wir müssen das Bekannte deutlicher kommunizieren und vor allen Dingen an der einen oder anderen Stellschraube justieren. Denn eine schlechte Stellenbesetzung schafft Probleme und verstärkt im Sinne einer negativen Rückkopplung die beschriebene Unattraktivität nach innen und außen. Unattraktivität bewirkt damit weitere Unattraktivität. So ist es jetzt notwendig, an vielen, vielen Schrauben extern und intern zu drehen, um insgesamt den Besetzungsstand zu verbessern und uns auch startfähig zu machen für den Paradigmenwechsel in die neue Situation. Es ist in der Tat so, es wird nicht genügend Gutes von Gutem gesprochen.javascript:zeigeBild(3)

WM: Sie sagten, wir müssen deutlicher kommunizieren, dass wir den Soldaten nicht alleine lassen. Und Sie sagten jetzt gerade auch, wir müssen deutlicher die Vorteile des Truppenarztes kommunizieren. Welche Mittel der Kommunikation könnten Sie denn stärker nutzen?

GenStArzt Dr. Raphael: Die Allgemeinmedizin leidet unter zwei Dingen: Erstens schafft die universitäre Ausbildung nicht genügend praktischen Bezug, obwohl dieses Fachgebiet inzwischen stärker als früher angesprochen wird. Das ist auch geschuldet der Konstellation in unserem Gesundheitssystem. Die Universitäten bieten insbesondere Fachgebiete wieInnere Medizin, Chirurgie oder Neurologie in eigenen Ausbildungsstätten an. Studenten können jedoch in der Realisierung der universitären Praxis nicht das Fach Allgemeinmedizin belegen. Also ist Aspekt Nr. 1: Allgemeinmedizin beginnt nach der Universität. Junge Mediziner orientieren sich grundsätzlich stark an dem, was sie gerade tun und worin gerade Entwicklung steckt, und auch an unmittelbaren klinischen Vorbildern in der eigenen greifbaren Umgebung. Dieses Feld können und müssen wir belegen. Der Allgemeinmedizin muss Gestalt und Gesicht verliehen werden. Daraus muss sich für uns eine kommunizierbare „Best Practice“ entwickeln. Wir vollziehen die ganz normale gesundheitliche Führung von Soldaten in der Alltagspraxis, auch unter den Bedingungen von sportlichen soldatischen Belastungen. Wir binden die Soldaten ein in Programme der Präventivmedizin, wie z. B. für einsatzgleiche Verpflichtungen multiple Impfaktionen. Wer sonst unterzieht eine gewisse Population mit mehr als 20 Impfungen? Daraus ergeben sich gewisse Erfahrungen im Umgang mit Problemfällen. Wir haben es noch nicht erreicht, unsere besonderen Erfahrungen in derartigen Bereichen zusammenzutragen und daraus etwas vorzeigbar Eigenes im Sinne einesKompendiumsoder entsprechender Curricula zu entwickeln. Da müssen wir ran. Der Allgemeinmedizin ein Gesicht geben heißt, unsere Besonderheiten zu formulieren. Die Randgebiete, die wir haben – etwa Sportmedizin, Chirotherapie, Arbeits- und Betriebsmedizin, kleine begleitende Psychotherapie zur Stützung des psychosozialen Netzwerkes: wir haben verwandte Disziplinen, die niemand so gut im Schnittfeld gesundheitlicherFührung betreibt und miteinander verzahnt wie der Sanitätsdienst der Bundeswehr. Es kommt dann die Einsatz- und die Leistungsmedizin hinzu. Das muss stärker erkannt werden als ein Entwicklungsfeld, und so stelle ich mir auf mittlere Sicht ein eigenständiges Format einer Fachtagung für Allgemeinmedizin mit all diesen Aspekten vor.

WM: Herr Generalarzt, vom Allgemeinmediziner zum Zahnmediziner. Was gibt es aus dem Bereich der zahnärztlichen und der fachzahnärztlichen Versorgung an Neuerungen, an Änderungen zu berichten?

GenStArzt Dr. Raphael: In diesem Bereich wird es wenig eigentlichen Paradigmenwechsel geben. Das liegt daran, dass das Prinzip der Versorgung in der Zahnmedizin gut funktioniert und eine gute Identifikation vorhanden ist. Das Renommee der truppenzahnärztlichen Behandlung ist im Durchschnitt besser als das der truppenärztlichen Behandlung. Es werden im Zuge der neuen Strukturen Wege verändert, so der Bearbeitungsgang für die genehmigungspflichtigen Maßnahmen oder auch die dezentrale Dienstaufsicht. Gleichzeitig werden wir uns von unwirtschaftlichen Kleinsteinrichtungen verabschieden. Es wird auch im zahnärztlichen Bereich weniger Einrichtungen geben. Wir haben im Visier eine Größenordnung von 140. Das Grundrational wird sein, die Einrichtungen mit mehr Behandlungsplätzen und wann immer es geht mit zwei Dienstposten für Zahnärzte auszustatten. Dazu natürlich auch die weiterführende, ergänzende Ebene der Oralchirurgie mit einem Multiplikator, der sich am Einsatzbedarf bemisst und eine Einsatzdurchhaltefähigkeit erlaubt.

WM: Ein weiterer wesentlicher Auftrag in Ihrem Lastenbuch ist die Ausbildungs- und Übungsunterstützung mit qualifizierten Sanitätern auf den Übungsplätzen. Welche Ansätze verfolgen Sie hier und welche Rolle spielt hier Ihre Zuständigkeit für ganz Deutschland?javascript:zeigeBild(4)

GenStArzt Dr. Raphael: Wir haben bei einer Vielzahl von Sanitätszentren und Fachsanitätszentren heute Teileinheiten, die sich AÜR nennen: Ausbildung, Übung, Rettungsdienst. Wir wollen, auch ausgerichtet an dem Multiplikator der Sanitätsunterstützungszentren, diesen Aspekt schlagkräftiger bündeln, d. h. es soll für jedes Sanitätsunterstützungszentrum eine Sanitätsstaffel Einsatz im Grundbetrieb aufgestellt werden. Es wird also erstmalig eine einsatzorientierte Komponente geben, die es dann in unserem System auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland auch real geben wird – in Kompaniegröße. Es werden davon abgeleitet und z. T. in Ergänzung bestimmte Hot Spots der Versorgung durch Bildung von abgesetzten Zugäquivalenten gesondert versorgt werden. Ich denke hier an größere Truppenübungsplätze und auch an die Notwendigkeit, unsere Militärflugplätze mit entsprechenden Flugunfallbereitschaften auszustatten. Hier muss die personelle und materielle Ausstattung adäquat werden frei nach dem Motto: „Stay where you fight“.

WM: Neben der Inlandsversorgung sind Sie auch in einem gerüttelt Maß an der personellen Bereitstellung der sanitätsdienstlichen Einsatzkontingente weltweit beteiligt. Sie bringen akademische und nichtakademische Heilberufler aus den regionalen Versorgungseinrichtungen nach Afghanistan, nach Mali und in die anderen Einsatzgebiete. Wie stellt sich hier die Bereitschaft Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dar und wie gestaltet sich das Zusammenspiel mit dem hier federführenden Kommando Sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung?

GenStArzt Dr. Raphael: Es ist in der Tat so, dass wir auch vor dem Hintergrund unseres Personalmultiplikators und der Aufgabenzuweisung im Grundbetrieblangfristig und beständig mehr als 50 Prozent der Soldatinnen und Soldaten des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr für den Einsatz aus unserem Bereich stellen. Die Einsatzbereitschaft ist weiterhin vorhanden und ungebrochen groß. Nur muss man sehen, dass sich hier allmählich eine Gefahr entwickelt, dass Abnutzungseffekte dort entstehen, wo sich für eine bestimmte Art der Verfügbarkeit das Personalspektrum zu sehr einengt. Das heißt u.a., wenn – und das gilt schon im Inland – personelle Vakanzen, Teilzeittätigkeit und Kindererziehungsaspekte dazu führen, dass der Kreis derjenigen, die sowohl für den Truppenübungsplatzaufenthalt im Inland als auch für die einsatzgleiche Verpflichtung, z. B. STRATAIRMEDEVAC-Bereitschaft als auch für den Einsatz zur Verfügung stehen, immer kleiner wird und sich dann bei einer Klientel wie bei unseren Rettungsassistenten Tendenzen abzeichnen, dass es schwierig ist, das Regenerationsniveau zu halten, dann muss ich sagen, dass punktuell Spannungswirkungen deutlich werden. Das kann man nicht verkennen. Ein vernünftiger Umgang damit ist erforderlich, um hier nicht das Gewinde zu überdrehen.
Ja, wir sind Truppensteller und Know-how-Träger für den Einsatz. Manager und direkte Anbindungsbehörde für die Einsätze ist unser Schwesterkommando in Weißenfels. Die Zusammenarbeit, das Finden der Rollen der einzelnen Beteiligten auf der Arbeitsebene hat sich positiv entwickelt und ist stetig besser geworden. Es war ja für viele auch völlig ungewohnt, wie man nun in einer neuen systemweiten Rolle aus Sicht desjenigen zu denken hat, der jetzt hier z. B. die Vorgaben einer Stellenbesetzungsliste zu erfüllen hat. Aber das trägt Früchte und ist auf einem sehr guten Weg.

WM: Herr Generalarzt, wir dürfen heute Gast im Schloss Oranienstein in Diez sein. Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts ist dieses Schloss eine konstante Größe als Kommandositz, zunächst als Divisions- und Brigadestab, dann als Sitz des Sanitätskommandos II und nunmehr für das Kommando Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung. Wie wird Ihre bundesweit fungierende Kommandobehörde hier im regionalen Umfeld gesehen und auch wahrgenommen?

GenStArzt Dr. Raphael: Wir haben hier in der Nachfolge sowohl der 5. Panzerdivision und der Panzerbrigade 34 als auch des Sanitätskommandos II einen nahtlosen Übergang schaffen können und sind bestens verankert. Das zeigen auch die vielen Veranstaltungen und die vielen Kontakte, die hier etabliert sind – etwa über die Traditionelle Nacht, die Oraniensteiner Konzerte, die Schlosserstürmung und Weiteres mehr. Ich muss natürlich einräumen, dass es schon eines gewissen kommunikativen Aufwandes bedarf, unsere neue bundesweite Spezialrollenzuordnung dann auch hier im kommunalen Rahmen herauszustellen und deutlich zu machen. Das steht sicherlich bei vielen nicht im Vordergrund, aber hier höhlt steter Tropfen den Stein und wir nutzen jede probate Gelegenheit, um das in der Darstellung auch zu verbreiten.

WM: Herr Generalarzt, im Rahmen Ihrer Dienstaufsichtsreisen kommen Sie das gesamte Jahr über hinweg mit vielen Soldatinnen und Soldaten zusammen und führen Gespräche. Im kommenden Jahr sollen die neuen Strukturen für die regionale sanitätsdienstliche Versorgung realisiert werden. Wie stellt sich die Stimmungslage vor Ort dar und welche Rückmeldung erhalten Sie?

GenStArzt Dr. Raphael: Zum einen sind die Absichten der Veränderung und der Neuausrichtung  verbreitet und bekannt. Inwieweit akzeptiert, ist eine andere Frage. Das hängt natürlich auch vom individuellen Blickwinkel ab. Hier ist schon deutlich zu erkennen, dass die Gesamtvermittlung zur Generierung eines neuen Bildes geführt hat. Die spannende Frage lautet jedoch: Was wird konkret aus dem einzelnen Mitarbeiter und der einzelnen Mitarbeiterin? Wenn an einem Ort aus einem Sanitätszentrum mit 50 Dienstposten ein spezialisiertes Sanitätsversorgungszentrum wird, was in etwa eine vergleichbare Anzahl von Soldaten zu versorgen hat und möglicherweise nur noch ca. 25 Dienstposten umfasst, weil bestimmte Funktionen der Führungsgrundgebieteund derAdministration an das vorgesetzte Sanitätsunterstützungszentrum gezogen werden und weil der kurative Bereich durch eine gewisse Umschichtung gestärkt werden soll, dann stellt sich schon für den Einzelnen die Frage, was konkret aus ihm wird. Das produziert naturgemäß personenbezogenes Unbehagen. Dies ist aufzulösen, wenn man über die Generierung einer entsprechenden neuen Soll-Organisation dann in eine personenbezogene gestufte Planung eintreten kann. Gestufte Planung heißt Anwendung unseres dreistufigen Personalsteuerkopfverfahrens. Dazu haben wir immer noch nicht die entsprechenden belastbaren Grundlagen, denn es muss ja eine Bilanz zu bilden sein: Wer kann wie weit bleiben? Was gibt es Neues an der Stelle? Wo gibt es an anderer Stelle Neues? Was bedeutet dann der Transfer? Das erweckt natürlich auch Erwartungshaltungen, und ich meine, Unbehagen ist da das richtige Wort. Darüber hinweg täuschen zu wollen, hieße die Realität an dieser Stelle zu verkennen. Es geht um die personenbezogene Sicht, und die muss schlicht und einfach bald angehbar sein, indem wir konkret zu Bilanzen und dann auch zu personenbezogenen Folgerungen kommen können.

WM: Herr Generalarzt, zusammenfassend: Sie haben berichtet von den Ansätzen, wie Sie sie in der ersten Zeit der neuen Struktur in Ihrem Kommandobereich umsetzen, Sie haben von ausstehenden Planungen zur Vervollkommnung des Systems gesprochen. Wie schätzen Sie zusammenfassend den Ansatz ein, die ambulante truppenärztliche, die zahnärztliche und fachärztliche Versorgung nicht mehr regional, sondern bundesweit einheitlich zu organisieren?javascript:zeigeBild(5)

GenStArzt Dr. Raphael: Ich gebe dem, weil das Grundrational griffig und auch gut und stringent einhaltbar ist, eine ausgesprochen positive Prognose. Wie gesagt, wir werden aus der Belebbarkeit von Feldern und Intensivierbarkeit von Themen einiges schöpfen können. Wir werden den Erfahrungshorizont für Spezielles durch Zentralisierung verdichten können und wir werden bestimmte Dinge, die vielleicht in der Konkurrenz zur klinischen Ziel- und Qualifikationsbildung zu wenig Beachtung gefunden haben, besser wahrnehmen können. Ich erinnere an meine Aussage: Der Allgemeinmedizin ein Gesicht zu geben! Das wird unter diesen Bedingungen möglich sein.
Bei der Frage der Zentralisierung muss man trennen: Übergeordnete Aspekte und die Gesamtverantwortung werden zentralisiert, aber die praktisch-faktische Wahrnehmung und Ausübung der Gesundheitsversorgung und der Unterstützungsleistung für die Truppe, die wird vom Grundsatz her nicht in unzweckmäßiger Weise zentralisiert. Hier bilden nach unserer Einschätzung, und das müssen wir pflegen und auch ausgestalten, die Sanitätsunterstützungszentren mehr Anknüpfmöglichkeiten, mehr Wirkmöglichkeiten in die Fläche. Sonst würde es auch gar nicht realisierbar sein, die Sanitätsversorgungszentren so stark, wie es vorgesehen ist, auf die kurative Aufgabenwahrnehmung zu konzentrieren. Letztlich halte ich das Prinzip der Führung durch ein Fähigkeitskommando für zielführender und professioneller als es bisher unter den vier regional zuständigen Sanitätskommandos für den Aspekt der regionalen Versorgung geleistet werden konnte. Das muss man sich immer wieder als Vergleich vor Augen halten.
Und ein veritabler, fachlich etablierter und führungsfähiger Oberstarzt auf herausgehobenem Dienstposten an der Spitze eines jeden Sanitätsunterstützungszentrums sollte auch a) ein neues Ziel für eine sehr gehobene Verwendung aus der kurativen Ebene sein und b) ein Garant, um hier wirklich denVersorgungsauftrag nachhaltig umzusetzen. Darauf können wir bauen und wir werden alles daransetzen, denn es gilt, das Prinzip der Gewährung der unentgeltlichen truppenärztlichen Versorgung und das Prinzip der ganzheitlichen Einbeziehung der Soldaten in die Versorgung zu erhalten.

WM: Herr Generalarzt, wir haben die Fragen, die uns am Herzen lagen, gestellt, bedanken uns von unserer Seite aus für die Zeit und für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Erfolg und Soldatenglück für die vor Ihnen liegenden Herausforderungen.

Datum: 30.12.2013

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2013/4