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DIE FRAGE NACH DEM ARZT IM BEWAFFNETEN EINSATZ IM ZENTRUM DER WEHRMEDIZINETHIK

Die aus den veränderten Reallagen im Auslandseinsatz erwachsenden ethischen Fragen, mit denen sich der Bundeswehrarzt konfrontiert sieht, machen eine vertiefende Reflexion des beruflichen Selbstverständnisses im Sanitätsdienst unumgänglich. Sie fanden in den letzten Jahren ihren Ausdruck in verschiedenen fachspezifischen und allgemeinen Publikationen. Dabei erweist sich insbesondere die Frage nach dem Arzt im bewaffneten Einsatz als bedeutsam. Gerade hier scheint das berufliche Selbstverständnis des ­Arztes mit demjenigen des Soldaten in ein Spannungsgefüge zu geraten.

Während zum Berufsethos des Arztes wie auch zu demjenigen des Soldaten relevante Referenztexte vorliegen, fehlt bis dato eine ­eigene, den besonderen Herausforderungen der Verwendung als Arzt und Soldat gerecht werdende Formulierung des ­Berufsethos des Bundeswehrarztes. Dies könnte mittels einer Systematisierung und Institutionalisierung der berufsethischen Fragen des Bundeswehrarztes im Rahmen eines auszuweisenden Faches „Wehrmedizinethik“ erfolgen.

Verortung der berufsethischen Fragen des Bundeswehrarztes
Die Frage nach dem Berufsethos des Bundeswehrarztes weist eine der doppelten Verwendung als Arzt und Soldat geschuldete Mehrdimensionalität auf und ließe sich sowohl von militärethischer als auch von medizinethischer Seite her angehen. Wenn im Folgenden vom Bundeswehrarzt gesprochen wird, schließt dies Humanmediziner, Zahnmediziner und Veterinärmediziner in gleicher Weise ein. Bei Medizin- und Militärethik handelt es sich um zwei Beispiele spezieller bzw. angewandter Ethik. Diese sogenannten Bereichsethiken gilt es von der Fundamentalethik zu unterscheiden, die in einer grundlegenderen Weise Fragen nach dem sittlichen Handeln des einzelnen Menschen und dessen Relevanz im gesellschaftlichen Kontext stellt (vgl. Abb. 1).Photo
Die für das Berufsethos des Bundeswehrarztes relevanten Fragen ergeben sich vor allem aus dem Verhältnis von Medizin- und Militär­ethik. Es scheint fraglich, ob sie durch eine dieser Bereichsethiken allein in angemessener Weise erörtert werden können. Die Mehrdimensionalität des Berufsethos des Bundeswehrarztes verlangt eine interdisziplinäre Herangehensweise, die sowohl Medizin- als auch Militärethik im Blick behält. Es ergibt sich also ein eigener Bereich ethischer Reflexion, zu dessen Benennung ich den Begriff „Wehrmedizinethik“ vorschlagen möchte. In Anlehnung an das Bestimmungsverhältnis von Wehr- und Einsatzmedizin, demzufolge die Einsatzmedizin als eine Unterdisziplin der Wehrmedizin anzusehen ist, ließe sich auch im Rahmen der allgemeinen Wehrmedizinethik eine Einsatzmedizinethik als eigenständiger Bereich ausmachen (vgl. Abb. 2). Der Frage nach dem Arzt im bewaffneten Einsatz käme die Funktion eines wehrmedizinethischen Paradigmas zu.

Photo Terminologische Überlegungen zur Fachbezeichnung ­„Wehrmedizinethik“
Terminologisch folgt der Begriff „Wehr­medizinethik“ als Fachbezeichnung der in Deutschland allgemein üblichen Bezeichnung der Militärmedizin als „Wehrmedizin“. Er stellt eine Verdichtung der Umschreibungen „wehrmedizinische Ethik“ und „Ethik der Wehrmedizin“ dar. Dem Begriff „Wehrmedizinethik“ ist unter Rücksicht auf den allgemeinen Sprachgebrauch der Vorzug zu geben, auch wenn aus terminologie- und medizingeschichtlicher Perspektive die Fachbezeichnung „Militärmedizin“ unbelasteter erscheint. Entsprechend der angelsächsischen Übersetzung von „Wehrmedizin“ als „military medicine“ bietet es sich an, „Wehrmedizinethik“ mit dem in der englischsprachigen Fachliteratur allgemein gebräuchlichen Terminus „military medical ethics “ zu übersetzen. Bereits in diesem Zusammenhang zeigt sich, dass die klassische Nähe von Medizingeschichte, Medizinischer Terminologie und Medizinethik auch im Kontext eines Faches „Wehrmedizinethik“ bedeutsam ist.

Die Frage nach dem ­Gegenstandsbereich
Im Hinblick auf eine Systematisierung der Wehrmedizinethik gilt es zunächst, den ihr eigenen Gegenstandsbereich auszuweisen. Dabei wäre zu klären, ob sich im sanitätsdienstlichen Alltag der Bundeswehr im In- und Ausland ethische Fragen stellen, die genuin als wehrmedizinethische Fragen zu gelten haben und als solche nicht im Rahmen einer allgemeinen Medizinethik beantwortet werden können. Im Zentrum steht dabei die Überlegung, ob sich in Auseinandersetzung mit den Berufsethoi von Arzt und Soldat, wie sie beispielsweise in der Ärztlichen Berufsordnung der Landesärztekammern und der ZDV 10/1 Innere Führung ihren Ausdruck finden, ein Berufsethos des Bundeswehrarztes formulieren lässt. Darüber hinaus gilt es, die Relevanz wehrmedizinethischer Überlegungen für alle im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätigen Soldaten und Zivilpersonen aufzuzeigen.
Als ein bedeutsamer wehrmedizinethischer Reflexionsbereich ist in diesem Zusammenhang die Einsatzmedizinethik anzusehen. Hier wäre insbesondere die Frage nach dem Arzt im bewaffneten Einsatz, die international unter der Überschrift „dual loyalties challenge“ diskutiert wird, zu erörtern. Es lassen sich jedoch auch andere einsatzmedizinethische Probleme aufzeigen, die sich generell im Auslandseinsatz ergeben können, d. h. nicht nur unter dem Aspekt des vermeintlichen Waffengebrauchs durch den Sanitäter. So etwa die Frage nach der medizinischen Versorgung der Zivilbevölkerung in den Einsatzgebieten (Allokationsprobleme) oder die Frage nach einer moralischen Herausforderung durch die Triage im Kampfeinsatz.
Auch die Arzt-Patienten-Beziehung, die in der allgemeinen Medizinethik einen wichtigen Stellenwert einnimmt, bietet sich für eine wehrmedizinethische Untersuchung an. Als Fragen von nicht unerheblicher Relevanz ließen sich beispielsweise aufführen: Ergeben sich aus dem militärischen oder zivilen Status des Patienten Folgen für die Arzt-Patienten-Beziehung? Wie gestaltet sich die Frage nach einem „informed consent“ unter wehr- bzw. einsatzmedizinischen Bedingungen? Welche Konsequenzen ergeben sich für die Patientenrechte und wie sind diese ethisch zu beurteilen?
Wehrmedizinethische Überlegungen hätten Fragen der Humanmedizin, Zahnmedizin und Veterinärmedizin Rechnung zu tragen. Auch besteht eine enge Verbindung zu Fragen der Wehrpharmazie.
Nicht zuletzt kommt der Wehrmedizinethik im Hinblick auf die ethische Kompetenzvermittlung in der Aus- und Fortbildung des ärztlichen und nichtärztlichen Sanitätspersonals eine wichtige Aufgabe zu. Wie die allgemeine Medizinethik hätte sie ferner eine Beratungsfunktion in aktuellen politischen Fragen und in Einzelfragen des konkreten wehr- und einsatzmedizinischen Alltags wahrzunehmen.

Methodologische Fragen einer Wehrmedizinethik
Die allgemeine wie auch die spezielle Ethik kennzeichnet eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden. Ohne diese näher zu charakterisieren, sei hier beispielhaft die Möglichkeit einer utilitaristischen, deontologischen oder tugendethischen Sichtweise erwähnt. Je nachdem welcher der Vorzug eingeräumt wird, ergeben sich zum Teil stark divergierende Vorgehensweisen sowohl im Hinblick auf die fundamental- als auch auf die bereichsethischen Ausführungen. Dieser Sachverhalt erweist sich für die Frage, ob und wie Probleme der Wehrmedizinethik im internationalen Vergleich angegangen werden, als höchst bedeutsam. Dies hat Konsequenzen nicht nur für einen internationalen wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch für die Formulierung allgemein geteilter ethischer Standards. Nur unter dieser Rücksicht lässt sich beispielsweise die ethische Diskussion um eine mögliche Beteiligung von Militärärzten an Foltermaßnahmen und der Entwicklung biologischer bzw. chemischer Kampfstoffe in dem einen Land verstehen, während sie in einem anderen völlig außer Frage steht.

Wehrmedizinethische Fragen im internationalen Kontext
Die wehrmedizinethischen Fragen werden international als Fragen der Military Medical Ethics diskutiert. Ihre aktuelle Relevanz lässt sich vor allem an verschiedenen internationalen Publikationen ablesen. So legte Michael L. Gross (University of Haifa, Israel) im Jahr 2006 eine Monographie Bioethics and armed conflict vor, der 2013 ein gemeinsam mit Don Carrick (University of Hull, UK) herausgegebenes Werk Military medical ethics for the 21st century folgte. Im Jahr 2008 gab Fritz Allhoff (Western Michigan University, USA) ein Werk Physicians at war zur Problematik der doppelten Loyalität heraus. Auch liegt ein in den USA von Thomas E. Beam und Linette R. Sparacino (Borden Institute, U. S. Army) herausgegebenes zweibändiges Handbuch mit dem Titel Military medical ethics aus dem Jahr 2003 vor. Neben diesen umfangreichen Werken findet sich eine Vielzahl von Aufsätzen, die in Hinblick auf die Frage, welche Impulse hiervon für den wehrmedizinethischen Diskurs in Deutschland ausgehen könnten, zu untersuchen wären. Auch wäre zu klären, wie man sich der Thematik im europäischen Kontext annimmt. Zu verschiedenen Spezialfragen liegen auch im deutschsprachigen Raum Publikationen von grundlegender Bedeutung vor. Beispielhaft ließe sich hier der im Jahr 2009 von Rolf von Uslar und Florian van Schewick veröffentlichte Aufsatz Rotes Kreuz im Fadenkreuz? nennen. Der Auseinandersetzung mit Fragen der Military Medical Ethics in der Schweiz käme sicherlich eine richtungsweisende Bedeutung zu.

Problematik der wehrmedizin­ethischen Kompetenz­vermittlung
Die Vermittlung wehrmedizinethischer Kompetenz kann im Rahmen der ärztlichen Ausbildung an den zivilen medizinischen Fakultäten nicht erfolgen. Sie erscheint dennoch dringend geboten. Wann, wo und wie sich eine solche im Rahmen der Ausbildung der Sanitätsoffiziere anbietet, stellen wichtige Fragen dar. Bereits die Vermittlung einer allgemeinen medizinethischen Kompetenz im Medizinstudium erweist sich als nicht unproblematisch. Die Anforderungen des Studiums lassen eine eingehendere Auseinandersetzung mit medizinethischen Fragen scheinbar nicht zu. Nicht unerheblich ist ferner die Tatsache, dass sich viele der ethischen Fragen für den Medizinstudenten mit Anfang zwanzig nicht – oder besser noch nicht – stellen. Erschwerend kommt hinzu, dass die zu Beginn der medizinethischen Ausbildung notwendige Vermittlung eines philosophischen Grundlagenwissens (Fundamentalethik) dem Studenten zu theoretisch und zu wenig praxisorientiert erscheint. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Frage nach der Institutionalisierung einer Wehrmedizinethik in Forschung und Lehre zu diskutieren.

Gesellschaftliche Relevanz wehrmedizinethischer Fragen
Bereits eine oberflächliche Orientierung zeigt, dass wehrmedizinethische Fragen auf vielfältige Weise eine gesellschaftliche Resonanz finden, auch wenn sich diese nicht in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs niederschlägt. Sie finden beispielsweise Verarbeitung in Literatur und Film. Mit ihrem Einsatzbericht Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan knüpfte Heike Groos 2009 an das literarische Genre des ärztlichen Kriegsberichtes an. Als klassischer Bericht des 20. Jahrhunderts ließe sich beispielsweise Peter Bamms Die unsichtbare Flagge aus dem Jahr 1952 aufführen. Im Hinblick auf eine mögliche Verarbeitung wehrmedizinethischer Fragen im Medium des Films lässt sich beispielsweise der aus dem Jahr 1958 stammende Film Géza von Radványis Der Arzt von Stalingrad anführen, der seinerseits auf dem gleichnamigen Roman Heinz Konsaliks aus dem Jahr 1956 zurückgriff. In neuerer Zeit kann auf die US-amerikanische Fernsehserie Grey’s Anatomy verwiesen werden. In einer Folge des Jahres 2010 werden hier berufsethische Fragen eines Militärarztes vor dem Hintergrund einer posttraumatischen Belastungsstörung erörtert. Eine eingehende Untersuchung wehrmedizinethischer Fragen und ihrer medialen Thematisierung gehörte sicherlich zum Aufgabenbereich der Wehrmedizinethik.

Zusammenfassung
Die veränderten Reallagen im Auslandseinsatz fordern eine vertiefende Reflexion des beruflichen Selbstverständnisses im Sanitätsdienst. Während international die hiermit verbundenen Fragen in großen Lehrbüchern zur Military Medical Ethics ihren Niederschlag finden, beschränkt sich die Diskussion hierzulande auf kleinere Publikationen, die sich verschiedener Spezialfragen annehmen. Eine Bündelung der hier geleisteten wichtigen Pionierarbeit könnte im Rahmen eines Faches Wehrmedizinethik erfolgen. Neben allgemeinen wehrmedizinethischen Fragen, die Humanmediziner, Zahnmediziner und Veterinärmediziner in der Bundeswehr betreffen, wären hier vor allem auch spezifische Fragen der Einsatzmedizinethik zu behandeln. Der Frage nach dem Arzt im bewaffneten Einsatz kommt in diesem Zusammenhang die Funktion eines wehrmedizinethischen Paradigmas zu. Die systematische Erforschung genuin wehrmedizinethischer Fragen ist die Voraussetzung einer ethischen Kompetenzvermittlung im Rahmen der Ausbildung von ärztlich und nichtärztlich tätigen Soldaten und zivilen Mitarbeitern im Sanitätsdienst der Bundeswehr. Sie scheint ferner dringend geboten im Hinblick auf den international zu führenden Diskurs um ethische Standards.

Datum: 04.12.2013

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2013/3