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SPIRITUALITÄT ALS RESSOURCE BEI SOLDATEN DER BUNDESWEHR

Spirituality as Resource of Soldiers of the Bundeswehr?



Aus der Abteilung Lebensqualität, Spiritualität und Coping am Zentrum für Integrative Medizin¹ (Leiter: Univ.- Prof.dr. A. Büssing) der Fakultät für gesundheit der universität Witten/Herdecke, der Abteilung VIb² am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg (Chefarzt: Oberstarzt Dr. J. Nakath), dem Psychotraumazentrum³ am Bundeswehrkrankenhaus Berlin (Chefarzt: Flottenarzt Dr. W. Titius) und dem Streitkräfteunterstützungskommando⁴, Köln (Befelshaber M. Engelhardt)



Arndt Büssing¹, Helge Höllmer², Jens T. Kowalski³, Peter Zimmermann³ und Peter Mees⁴

Nach belastenden Erfahrungen mit möglicherweise körperlichen Einschränkungen und/oder psychischen Beeinträchtigungen kommt es bei vielen Betroffenen zu Reflexionsprozessen hinsichtlich der zukünftigen Perspektiven und gefährdeter Lebensentwürfe auf der einen Seite sowie zu einer Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn und Bedeutung im Leben, nach dem, was trägt und Hoffnung gibt.

Hier taucht auch die Frage nach einer Rückbindung an eine spirituelle Ressource auf (religio), die hilfreich im Umgang mit der Erkrankung sein könnte.

Methoden: Dargestellt werden theoretische Hintergründe und Befunde aus klinischen Studien, welche die Bedeutung des Forschungsfeldes auch für den Bundeswehr-Kontext nahe legen. Da jedoch kaum empirische Untersuchungen zur Relevanz der Spiritualität bei deutschen Militärangehörigen existieren, wurde aktuell ein Forschungsprojekt (anonyme Befragung) gestartet, um diese zu erfassen und auf ihre mögliche Bedeutung hin zu untersuchen.

Schlussfolgerungen: Ärzte, Psychologen und direkte militärische Vorgesetzte müssen die spirituellen Haltungen und Einstellungen ihrer Patienten oder Untergebenen nicht notwendigerweise teilen, sollten sie aber wertschätzen und entsprechend reagieren können. Eine angemessene Unterstützung spezifischer spiritueller Bedürfnisse hilft, bestimmte Aspekte der Lebensqualität Betroffener zu verbessern. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen somit genutzt werden, um künftig geeignete Interventionsmodule zu entwickeln, die postexpositionell Anwendung zur Unterstützung Betroffener finden können.

Summary

Background: Confronted with stressful experiences and subsequent physical impairment and/or mental affections, several reflect their future perspectives and vulnerable concepts of life, and ask for meaning and purpose in life, and which beneficial sources one may rely on (religio). Affected individuals may ask for helpful spiritual resources which may provide a “secure port” in their struggling with illness or impairment. Yet several have turned away from institutional religiosity, so it is unclear which aspects of the multidimensional construct `spirituality are of relevance at all – and whether or not these aspects are of relevance also for soldiers. Nevertheless, several patients do express specific psychosocial and spiritual needs which are rarely addressed by health care professionals.

Methods: Here the theoretical background and findings from clinical studies were presented which indicate the putative relevance of this field of research also for the army context. Because there are currently only a few empirical studies which address this unique topic at all, we started a research project to analyse the putative relevance of specific aspects of spirituality in German soldiers.

Conclusions: Medical doctors, psychologists and also military supervisors are not necessarily supposed to share the spiritual attitudes and convictions of their patients and subordinates, but they should appreciate them and react adequately when specific needs are expressed. An appropriate support of specific spiritual needs helps to improve relevant aspects of patients quality of life. The findings of the study may be used to develop appropriate intervention modules which could be applied for post-exposure support of affected soldiers. 

1. Einführung

Mit zunehmenden Auslandseinsätzen von Bundeswehrsoldaten ist auch das Thema Stress in den Fokus der Forschung gerückt [1]. Bisher liegen allerdings nur wenige systematische und kontrollierte Untersuchungen an Bundeswehrsoldaten zum einsatzbedingten Stress, zur Stressverarbeitungsfähigkeit und Stressresistenz vor [2-4]. Zunehmend sind auch Soldaten, die in „non combat“- oder beobachtenden Missionen eingesetzt sind, durch belastende Erlebnisse beeinträchtigt, die nur schlecht verarbeitet werden können. Hierbei gibt es sowohl unmittelbar nach traumatischen Erfahrungen auftretende (akute) psychische Belastungsreaktionen also auch solche, die erst nach längerer Latenz symptomatisch werden wie beispielsweise posttraumatische Belastungsstörungen [PTBS], Burn-out, Depressionen, Anpassungsstörungen oder Suchterkrankungen.

In vielen Fällen sind auch die direkten Bezugspersonen im privaten Umfeld Einsatzgeschädigter nicht in der Lage, die entsprechenden Erlebnisse und Auswirkungen auf Betroffene nachzuvollziehen, sodass zusätzlich belastende Partner-Konflikte resultieren. Zum Teil verschärft eine offene gesellschaftliche Ablehnung verbunden mit einer resultierenden „Sprachlosigkeit“ und „innerem Rückzug“ die Situation, da die Sinnhaftigkeit der eigenen Tätigkeit und der Mission im Allgemeinen infrage gestellt wird und die erlittenen psychischen und/oder physischen Beeinträchtigungen somit als „sinnlos“ erlebt wird.

Auch wenn Rückhalt und Verständnis am ehesten im Team und von den direkten Vorgesetzten zu erwarten sind, artikulieren die Betroffenen ihre Probleme (aus unterschiedlichen Gründen, unter anderem auch aufgrund der Befürchtung einer die Karriere hemmenden Stigmatisierung) nicht immer adäquat. Insbesondere in den amerikanischen und den kanadischen Streitkräften wird jedoch das Verhalten gefördert, aktiv Hilfe aufzusuchen, da (stille) psychische Probleme nach belastenden Einsätzen (“suffering while functioning”) nicht länger als Stigma angesehen werden sollten.

Dennoch bestehen nach wie vor vielschichtige strukturelle als auch individuelle Barrieren, die es erschweren, faktische Bedürfnisse zu identifizieren. So erhält weniger als die Hälfte der bedürftigen Soldaten auch tatsächlich Hilfe (C. Hoge, pers. Mitteilung NATO RTO HFM-205 Symposium, Bergen, 2011).

Neben einer adäquaten Behandlung Betroffener geht es also auch um die Identifizierung nicht immer klar artikulierter Bedürfnisse und möglicher Ressourcen, die sowohl bei der Bewältigung als auch präventiv hilfreich sein könnten. Der PTBS-Beauftragte der Bundeswehr, Brigadegeneral Christof Munzlinger, fordert ganz deutlich: „Vorgesetzte müssen über die Phänomene von Belastungen und Überlastung im Einsatz wie Battle-Stress, akute Belastung und posttraumatische Belastungsstörungen informiert sein. Sie müssen wissen, was dort physiologisch abläuft, sie müssen die Anzeichen von psychischer Überlastung erkennen, denn sie sind verantwortlich für die Einsatzbereitschaft ihrer Truppe.“ [5]

Gemäß den Total Force Fitness-Domänen der US Army [6], die physische, psychologische, verhaltensmäßige, medizinische, ernährungsmäßige, umgebungsbezogene sowie spirituelle Dimensionen einbeziehen, sind in der Tat interprofessionelle und integrative Ansätze notwendig. Diese sollten multiprofessionell Ärzte, Psychologen, Militärseelsorger, Sozialarbeiter aber auch Vorgesetzte und natürlich auch die Familienangehörigen einbinden.

Hufford et al. [7] weisen darauf hin, dass für viele Soldaten ihre Spiritualität und Religion der einzige „sichere Hafen“ insbesondere während militärischer Operationen oder Kampfeinsätze sind, die ihre Glaubensüberzeugungen herausfordern. Sie sprachen sogar von der Gefahr „spiritueller und moralischer Traumata“, die bei Militärangehörigen physische, psychische und verhaltensmäßige Probleme nach sich ziehen können [7].

Gerade nach belastenden Erfahrungen mit möglicherweise körperlichen Einschränkungen und/oder psychischen Beeinträchtigungen kommt es zu Reflexionsprozessen hinsichtlich der zukünftigen Perspektiven und gefährdeter Lebensentwürfe auf der einen Seite sowie zu einer Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn und Bedeutung im Leben, nach dem, was trägt und Hoffnung gibt. Im Rahmen der Auseinandersetzung insbesondere mit persistierenden Einschränkungen oder chronischer Krankheit taucht bei vielen auch die Frage nach einer Rückbindung an eine spirituelle Ressource auf (religio), die hilfreich im Umgang mit der Erkrankung sein könnte.

Da sich viele aber nicht mehr im Kontext der institutionalisierten Religiosität verortet fühlen, ist unklar, welche Aspekte des multidimensionalen Konstruktes Spiritualität für sie von Relevanz sind – und ob diese für Soldaten überhaupt von Bedeutung sind – und wie diese künftig berücksichtigt werden könnten, um adäquate Interventionsmodule zu entwickeln.

2. Formen der Spiritualität in einem säkularen Umfeld

Die multidimensionalen Konstrukte Spiritualität und Religiosität werden zwar oft synonym gebraucht, sind aber nicht identisch. Underwood & Teresi [8] beschrieben Spiritualität als individuelle und offene Einstellung, die mit einer „Suche nach Sinn und Bedeutung“ und nach einer „transzendenten Wahrheit“ sowie mit einem „Gefühl der Verbundenheit mit anderen, der Natur und/oder dem Göttlichen” einhergeht. Koenig [9] argumentierte, dass sich die jeweils eigene Spiritualität eines Menschen entweder durch sein „religiöses Engagement“ ausdrücken kann, durch die „individuelle Erfahrung des Göttlichen“ und/oder durch die „Verbundenheit mit der Natur“. Spiritualität kann also eine formal religiöse Ausprägung haben oder auch eine private, individuell gestaltete säkulare. Gerade in säkularen Gesellschaften, in der die Bedeutung der institutionalisierten Religiosität zurückgeht, kommt offeneren Formen der Spiritualität eine größere Bedeutung zu. In einer Untersuchung deutscher Probanden zeigte sich, dass sowohl eine religiöse als auch die Transzendenz-Orientierung bei Personen < 30 Jahre eher gering ausgeprägt sind und mit zunehmendem Alter stärkere Bedeutung haben, während säkulare Aspekte der Spiritualität wie die existenzielle Suche nach Sinn und Bedeutung sowie ein bewusster Umgang mit sich, den anderen und der Umwelt auch bei Jüngeren von großer Bedeutung ist [10]. Sowohl die Ausprägung als auch die Inhalte der Spiritualität können sich entsprechend des sozialen Umfelds und der individuellen Erfahrungen verändern.

Von uns wurde ein Definitionsvorschlag gemacht, der konzeptionelle Grundlage für weiterführende Forschungsfragen war:

„Mit dem Begriff Spiritualität wird eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung bezeichnet, bei der sich der/die Suchende ihres “göttlichen” Ursprungs bewusst ist (wobei sowohl ein transzendentes als auch ein immanentes göttliches Sein gemeint sein kann, z. B. Gott, Allah, JHWH, Tao, Brahman, Prajna, All-Eines u. a.) und eine Verbundenheit mit anderen, der Natur, dem Göttlichen usw. spürt. Aus diesem Bewusstsein heraus bemüht er/sie sich um die konkrete Verwirklichung der Lehren, Erfahrungen oder Einsichten, was unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensführung und die ethischen Bezüge hat.“ [11]

Ausgehend von dieser Definition lassen sich für den Bundeswehr-Kontext 3 Grundsätze ableiten, die aufeinander Bezug nehmen: (1) Das Leben hat Bedeutung.  (2) Wir teilen den gleichen Ursprung und sind miteinander verbunden.  (3) Wir haben eine Verantwortung und Verpflichtung zu helfen.

3. Spiritualität als Ressource

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass auch in einer weitgehend säkularen Gesellschaft wie Deutschland Patienten mit chronischen Erkrankungen Spiritualität/ Religiosität als Ressource nutzen, um mit Krankheit und Leid besser umgehen zu können [12-17]. Diese Ressource beeinflusst die Art und Weise, wie ein Mensch mit seinem Leben und Leid umgeht. Spiritualität/Religiosität kann das Selbstwertgefühl unterstützen, dem Leben Sinn und Bedeutung geben sowie emotionalen Trost und Hoffnung [18]. Deutsche Patienten mit chronischen Erkrankungen gaben an, dass ihre jeweils eigene Spiritualität/Religiosität ihnen hilft, mit dem Leben bewusster umzugehen, Zufriedenheit und inneren Frieden zu erfahren, ihre innere Kraft zu fördern, eine tiefere Beziehung mit der Umwelt und den Mitmenschen einzugehen, mit Krankheit besser umzugehen und wieder geistige und körperliche Gesundheit zu erlangen [19]. Auch für Überlebende von Traumata scheinen ihre spirituellen beziehungsweise religiösen Überzeugungen wichtig zu sein: Diejenigen, die ihre Spiritualität im Sinne einer Coping- Strategie (Krankheitsumgang) nutzen konnten, zeigten eine größere Fähigkeit für posttraumatische Entwicklungsprozesse im Sinne einer größeren Wertschätzung des Lebens sowie veränderte Prioritäten, tiefere Beziehungen zu anderen, ein größeres Empfinden für die eigenen Stärken, Entdecken neuer Möglichkeiten sowie eine spirituelle Entwicklung [20]. Nur „heilt“ Spiritualität selbstverständlich keine physischen Traumata – sie hilft aber, mit diesen besser umzugehen.

Der individuelle Glaube beeinflusst somit die Haltung und Einstellung zum Leben, kann zu innerem Frieden und einem Gefühl des Aufgehobenseins trotz Symptomatik führen, was geringeren „Stress“ bedeutet und somit inneren Lösungsprozessen zuträglich ist. Auch in einer Spezialausgabe des Journals Military Medicine wird die Spiritualität als ein relevanter Aspekt des propagierten multidimensionalen Total Force Fitness Models der US Armee behandelt [6, 7]. Ob und inwiefern die Befunde und Empfehlungen auf deutsche Militärangehörige zu übertragen sind, muss untersucht werden.

Konzeptionell sollte jedoch klar zwischen spirituellen Einstellungen und Überzeugungen (Kognition/Emotion) im Sinne einer Ressource, auf die man zurückgreifen kann, auf der einen und der daraus resultierenden konkreten Umsetzung im Alltag (Verhalten/Praxis) auf der anderen Seite unterschieden werden (Tab 1). Diese können, müssen aber nicht notwendigerweise mit subjektivem Wohlbefinden einhergehen.

Auf die sich im bisherigen Leben „bewährte“ und im Alltagsleben erprobten Haltung und Formen der Praxis kann man in Zeiten der Not zurückgreifen, während man sich auf spezifische (externe) Interventionsangebote (Achtsamkeits- basierte Meditationsformen, Yoga, Gebet etc.) erst erprobend einlassen muss. Hier sind sowohl kurzfristige positive Effekte aufgrund einer hohen Erwartungshaltung als auch Enttäuschungen, wenn sich die jeweiligen Erwartungen nicht erfüllt haben, beobachtbar.

Photo Tab 1: Kognitive, emotionale und aktionale Aspekte der Spiritualität.

 

 

 

 

 

4. Spirituelle Bedürfnisse

Auch wenn bestimmte Formen der Spiritualität für Patienten mit chronischen Erkrankungen als Ressource von Relevanz sind, so spielt sie im klinischen Kontext jedoch kaum eine wesentliche Rolle. Spiritual Care wird am ehesten von Seelsorgern und Pflegenden in der Palliativmedizin thematisiert. In einer Umfrage unter deutschen Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen zeigte sich jedoch, dass 37 % der Patienten über ihre spirituellen Bedürfnisse mit ihrem behandelnden Arzt sprechen wollten und nur 23 % mit einem Seelsorger, während 20 % gar keinen Ansprechpartner für ihre spirituellen Bedürfnisse hatten [14]. Auch Traumata- Überlebende äußerten, dass ihre Spiritualität für ihren Genesungsprozess von Bedeutung war und sie mit Angehörigen der Gesundheitsberufe hierüber sprechen wollten [20]. Es scheint also eine Gruppe Betroffener zu geben, für die scheinbar kein geeigneter Ansprechpartner für Bedürfnisse vorliegt, die ihnen wichtig sind.

Die in der Literatur auffindbaren psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse chronisch Kranker lassen sich in vier Kerndimensionen kategorisieren, denen sich spezifische Themenfelder unterordnen, und die einen konzeptionellen Bezugsrahmen für Forschung und Praxis darstellen können [21]:

1. Verbundenheit: Liebe, Zugehörigkeit, Partner-Kommunikation, Entfremdung, etc.,

2. Friede: innerer Friede, Hoffnung, Ausgeglichenheit, Vergebung, Distress, etc.,

3. Sinn/Bedeutung: Lebenssinn, Selbstverwirklichung, etc.,

4. Transzendenz: spirituelle Ressourcen, positive/negative Beziehung zu Gott, dem Heiligen, Beten, etc..

Konzeptionelle Überschneidungen mit psychosozialen Bedürfnissen, die sich in einem Verlust der Rollenfunktion, der Unterstützung durch Familie oder Freunde, der Hilfsbedürftigkeit bei der Verrichtung der Alltagsabläufe, Verlust oder Einschränkung materieller oder logistischer Ressourcen, negativen Emotionen, Krankheits-assoziiertem Distress etc. ausdrücken können, sind in Teilbereichen offensichtlich. Hier sollte einer praxisrelevanten Betrachtung der Vorzug gegeben wurde, da der Bezugsrahmen wesentlich ist. Die übergeordnete Dimension der Verbundenheit zum Beispiel umfasst sowohl den Rückhalt durch die Familie oder das Team, aber auch die Hinwendung zu Gott im Gebet oder die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft.

Aktuelle Untersuchungen spiritueller Bedürfnisse bei deutschen Patienten mit chronischen Erkrankungen ergaben, dass weniger religiöse oder existenzielle Bedürfnisse im Vordergrund stehen, sondern das Bedürfnis nach innerem Frieden und nach Weitergabe von Lebenserfahrungen, Trost etc. [22, 23]. Signifikante Prädiktoren für die religiösen Bedürfnisse waren positive Krankheitsbewertung wie „Wertvolles, an dem man wachsen kann“ sowie das Alter der Patienten. Für die existenziellen Bedürfnisse konnten die Bewertungen „Krankheit als Hilferuf“ und „Wertvolles“ sowie eine geringe Lebensqualität als Prädiktoren identifiziert werden. Auch für das Bedürfnis nach innerem Frieden waren die Krankheitsbewertung „Wertvolles“ und eine geringe Lebensqualität wichtigste Prädiktoren, während sich für den Faktor Weitergabe/ Generativität eine Mischung sowohl positiver als auch negativer Krankheitsbewertungen als relevant herausstellte [23].

Die Erfüllung der artikulierten Bedürfnisse wird von den Patienten scheinbar mit der Erwartung einer Situationsverbesserung assoziiert. Die geäußerten Bedürfnisse sollten daher in ihrer Bedeutung für die Patientenbegleitung nicht unterschätzt oder als „irrelevant“ abgetan werden, da sich hier der Wunsch nach Lösungsmöglichkeiten artikuliert, um mit der Krankheitssymptomatik und ihren Implikationen umgehen zu können [23].

Die identifizierten Bedürfnisse sollten bei der Begleitung chronisch Kranker somit Berücksichtigung finden. Erst wenn diese identifiziert sind, können die Angehörigen des Gesundheitssystems und Seelsorger, aber auch Angehörige und militärische Vorgesetzte auf diese reagieren und die Betroffenen in ihrer Auseinandersetzung mit den Auswirkungen belastender Situationen und beeinträchtigender Traumata unterstützen. Diese Bedürfnisse nicht zur Kenntnis zu nehmen, bedeutet, die Würde und fundamentalen Rechte der beeinträchtigten/ geschädigten Personen zu ignorieren, die nach Koslander et al. [24] als Kernelemente der Ethik im Gesundheitswesen angesehen werden. Eine interprofessionelle Begleitung erscheint hier unabdingbar. Ärzte, Psychologen und direkte militärische Vorgesetzte müssen diese spirituellen Haltungen und Einstellungen ihrer Patienten beziehungsweise Untergebenen nicht teilen, sollten sie aber wertschätzen und entsprechend reagieren können. Eine adäquate Unterstützung der psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse schafft letztendlich die Bedingungen, damit sich wesentliche Aspekte der Lebensqualität Betroffener verbessern können.

Photo  Tab 2: Möglicherweise relevante Faktoren im Kontext des Vulnerabilitäts-Stress-Modells.

 

 

5. Schlussfolgerung und Ausblick

Momentan existieren kaum empirische Untersuchungen zur Relevanz der Spiritualität bei Militärangehörigen. Um hier eine Lücke zu füllen, wurde ein Kooperationsprojekt gestartet, um die Relevanz dieser Ressourcen bei Angehörigen der Bundeswehr zu eruieren. In einer ersten Phase werden im Rahmen einer anonymen Querschnittserhebung entsprechende Ressourcen und Coping- Strategien sowie Gesundheitsindikatoren erfasst (Tab 2). Im Vordergrund stehen Zusammenhänge zwischen psychosozialen und spirituellen Bedürfnissen und individuellen Ressourcen, spezifischen Coping-Strategien sowie Belastungsindikatoren. Hierzu werden Angehörige der Bundeswehr verschiedener Truppenteile, die mit belastenden Situationen in Einsatzgebieten umzugehen haben (insbesondere Feldjäger, Personal des Kampfmittelbeseitigungs- und operativen Informationsdienstes, Sanitätspersonal und Spezialpionierkräfte) sowie Trauma-Patienten mit standardisierten Fragebogeninstrumenten untersucht. Die Untersuchung kann jeweils durch neue Erkenntnisse modifiziert werden.

Nach Auswertung der so erzielten Ergebnisse sollen in einem zweiten Schritt „pre-post-mission“-Untersuchungen durchgeführt werden, wobei nur noch solche Instrumente verwendet werden, die sich für die zugrunde liegenden Fragestellungen als relevant erwiesen haben und für die Beantwortung neu formulierter Hypothesen sinnvoll sind.

Auf der Grundlage der gewonnenen Ergebnisse sollen künftig Interventionsmodule entwickelt werden, die sowohl präventiv als auch postexpositionell Anwendung finden können. Diese sollen später auf ihre Relevanz hin untersucht werden.

Literatur:

  1. Hauffa R, Brähler E, Biesold KH, Tagay S: Psychische Belastungen nach Auslandseinsätzen: Erste Ergebnisse einer Befragung von Soldaten des Einsatzkontingentes ISAF VII. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 2007; 57: 373-378.
  2. Zimmermann P, Kowalski J: 2 Jahre psychosoziale Versorgung und Forschung – Ergebnisse und Perspektiven des Psychotraumazentrums der Bundeswehr, Wehrmedizinische Monatsschrift 2011; 55: 218-221.
  3. Eisenlohr V, Zimmermann P, Kowalski, JT: Burnout – ein bedeutendes Symptombild in der truppenärztlichen Praxis. Wehrmedizinische Monatsschrift 2011; 55: 224-228.
  4.  Kowalski JT, Hauffa R, Jacobs H, Höllmer H, Gerber WD, Zimmermann P: Psychiatric- psychotherapeutic help seeking behavior of German Soldiers with deployment related stress disorder. Dtsch Arztebl Int 2012; 109 (in press) .
  5. Interview mit Brigadegeneral Christof Munzlinger. Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2/2011: http://www.wehrmed.de/article/1856- INTERVIEW_MIT_BRIGADEGENERAL_ CHRISTOF_MUNZLINGER_BEAUFTRAGTER_ PTBS_DES_BMVG.html
  6. Jonas W, Deuster P, O Connor F, Macedonia C: Total Force Fitness for the 21th Century. A New Paradigm. August 2010. Supplement to Military Medicine 2010; 175: 1-128.
  7. Hufford DJ, Fritts MJ, Rhodes JE: Spiritual Fitness. Military Medicine 2010; 175 August Supplement: 73-87.
  8. Underwood LG, Teresi JA: The daily spiritual experience scale: development, theoretical description, reliability, exploratory factor analysis, and preliminary construct validity using health-related data. Ann Behav Med. 2002; 24: 22-33.
  9. Koenig HG: Concerns about measuring “spirituality” in research. J Nerv Ment Dis. 2008; 196: 349-355 
  10. Büssing A, Föller-Mancini, Gidley J, Heusser P: Aspects of spirituality in adolescents. International Journal of Children s Spirituality 2010; 15: 25-44 .
  11. Büssing A: Spiritualität. Worüber reden wir? In: Büssing A, Ostermann T, Glöckler M, Matthiessen PF (eds.): Spiritualität, Krankheit und Heilung – Bedeutung und Ausdrucksformen der Spiritualität in der Medizin. Frankfurt: Verlag für Akademische Schriften 2006; 11-24Büssing A, Ostermann T, Matthiessen PF: Role of religion and spirituality in medical patients: Confirmatory results with the SpREUK questionnaire. Health Qual. Life Outcomes 2005; 3:10 (http://www.hqlo.com/content/3/1/10).
  12. Büssing A, Ostermann T, Matthiessen PF: Role of religion and spirituality in medical patients: Confirmatory results with the SpREUK questionnaire. Health Qual. Life Outcomes 2005; 3:10 (http://www.hqlo.com/content/3/1/10).
  13. Büssing A, Fischer J, Ostermann T, Matthiesen PF: Reliance on God´s help, depression and fatigue in female cancer patients. Int. J. Psychiatry Med. 2008; 38: 357-372.
  14. Büssing A, Michalsen A, Balzat HJ, et al.: Are spirituality and religiosity resources for patients with chronic pain conditions? Pain Med. 2009; 10: 327-339.
  15. Zwingmann C, Wirtz M, Müller C, Körber J, Murken S: Positive and negative religious coping in German breast cancer patients. J Behav Med. 2006; 29: 533-547.
  16. Zwingmann C, Müller C, Körber J, Murken S: Religious commitment, religious coping and anxiety: a study in German patients with breast cancer. Eur J Cancer Care 2008; 17: 361-370.
  17. Appel C, Müller C, Murken S: Subjektive Belastung und Religiosität bei chronischen Schmerzen und Brustkrebs. Ein Stichprobenvergleich. Schmerz 2010; 24: 449-457.
  18. Thune-Boyle IC, Stygall JA, Keshtgar MR, Newman SP: Do religious/spiritual coping strategies affect illness adjustment in patients with cancer? A systematic review of the literature. Soc Sci Med 2006; 63: 151-164.
  19. . Büssing A, Koenig HG: The Benefit through spirituality/religiosity scale - A 6-item measure for use in health outcome studies. Int J Psychiatry Med 2008; 38: 493-506.
  20. Wiechman Askay S, Magyar-Russell G: Post-traumatic growth and spirituality in burn recovery. Int Rev Psychiatry. 2009;570-579.
  21. Büssing A, Koenig HG: Spiritual needs of patients with chronic diseases. Religions 2010; 1: 18-27.
  22. Büssing A, Balzat HJ, Heusser P: Spiritual needs of patients with chronic pain diseases and cancer - validation of the spiritual needs questionnaire. European Journal of Medical Research 2010; 15: 266-273.
  23. Büssing A, Janko A, Kopf A, Lux EA, Frick E: Zusammenhänge zwischen psychosozialen und spirituellen Bedürfnissen und Bewertung von Krankheit bei Patienten mit chronischen Erkrankungen. Spiritual Care 2012; 1: 57-73.
  24. Koslander T, da Silva AB, Roxberg A: Existential and spiritual needs in mental health care: An ethical and holistic perspective. J. Holist. Nurs. 2009; 27: 34-42.

Datum: 20.09.2012

Quelle: Wehrmedizinische Monatsschrift 2012/7