ALS SANITÄTSOFFIZIER IM JOINT INCIDENT ASSESSMENT TEAM (JIAT)
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ALS SANITÄTSOFFIZIER IM JOINT INCIDENT ASSESSMENT TEAM (JIAT)

Fast 10 Jahre nach Beginn der internationalen Militäraktion entsenden immer noch 46 Nationen Soldaten nach Afghanistan, um sich an der International Security Assistance Force (ISAF) zu beteiligen. Wichtigster Truppensteller sind die USA mit mehr als 90000 Soldaten. Deutschland beteiligt sich mit etwa 5000 Soldaten, die überwiegend im Bereich des Regional Command North (RC-N) eingesetzt werden.

 Etwa 300 leisten in den anderen Regional Commands Dienst, 32 davon im operativen Hauptquartier der internationalen Schutztruppe in Kabul, dem ISAF Joint Command (IJC). 

Seit Aufstellung des IJC im Jahr 2009 stellt Deutschland den Deputy Medical Advisor und Chief of Staff (DEP MEDAD/COS) der Combined Joint Medical (CJMED) Branch. Dieser Sanitätsoffizier nimmt unter anderem auch an Einsätzen des Joint Incident Assessment Team (JIAT) des IJC teil.

Dieser Artikel befasst sich mit den Einsatzgrundsätzen der JIAT-Missionen, beschreibt die Aufgaben des teilnehmenden Sanitätsoffiziers und zeigt auf, welche Herausforderungen hierbei zu bewältigen sind (Abb. 1).

Photo Abb. 1: Mit einer amerikanischen UH-60 auf direktem Weg zu einem JIAT-Einsatz.

Afghanistan im Jahr 2011 

Von zentraler Bedeutung für das Verständnis der komplizierten gesellschaftlichen und politischen Strukturen Afghanistans sind dessen ethnische Vielfalt sowie die staatstragende Rolle des Islams. Nahezu 99% der Afghanen sind Moslem, viele davon streng gläubig. 42% der Bevölkerung gehören der pashtunischen Ethnie an, die auch den wichtigsten politischen Einflussfaktor darstellt. 27 % der afghanischen Staatsbürger sind Tadschiken, gefolgt von Usbeken, Hazara (jeweils 9%) und weiteren kleineren Volksgruppen.

Außerhalb der städtischen Bevölkerungszentren haben nach wie vor lokale Stammesführer und traditionell begründete Sozialstrukturen wesentlich mehr Einfluss als staatliche Regierungsbehörden und –institutionen. Die Mehrzahl der Taliban – die bedeutendste unter den militanten Oppositionsgruppierungen (Insurgents, INS) - gehört der pashtunischen Volksgruppe an und unterliegt dem Ehrenkodex Jahrhunderte alter Stammesregeln, die ihnen Schutz und Unterstützung sichern.

Neben den religiös oder politisch motivierten INS-Gruppen stellen kriminelle Netzwerke sowie die allgegenwärtige Korruption eine erhebliche Gefahr für die weitere Entwicklung des afghanischen Staates dar. Afghanistan produziert etwa 90% des weltweit konsumierten Heroins, Drogenanbau und -schmuggel sind nach wie vor wichtige Finanzierungsquellen sowohl der militanten Oppositionsgruppierungen als auch der kriminellen Netzwerke.

Die COIN-Strategie

Trotz der großen Fortschritte im Aufbau der Afghan National Security Forces (ANSF: afghanische Armee und Polizei) sowie der erheblichen personellen und materiellen Aufstockung der ISAF in den letzten Jahren ist die militärische Lage in großen Teilen Afghanistans nach wie vor instabil und nicht sicher. Insbesondere im Süden und Osten des Landes kommt es täglich zu Kampfhandlungen mit INS, direktem und indirektem Feuerkampf sowie zu Anschlägen mit improvisierten Sprengladungen (IED). In diesem „asymetrischen Konflikt“, ausgetragen im unmittelbaren Umfeld afghanischer Dörfer, Städte und Straßen, bedeutet die Anwendung militärischer Gewalt eine große Herausforderung für jeden ISAF-Soldaten.

Der Gegner ist häufig nicht eindeutig auszumachen und benutzt zudem immer wieder bewohnte Gebäude als Rückzugsort sowie unbeteiligte Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Die Wahrscheinlichkeit von unbeabsichtigten materiellen Schäden sowie von Opfern unter der Zivilbevölkerung als Folge der Kampfhandlungen ist unter diesen Bedingungen deutlich erhöht. Das sogenannte „Combined Team“, bestehend aus der afghanischen Regierung (Government of the Islamic Republic of Afghanistan; GIRoA), den ANSF, sowie der Internationalen Gemeinschaft, soll im koordinierten Ansatz der Kräfte und Fähigkeiten die Grundlagen für ein sicheres, stabiles Umfeld sowie bessere Lebensbedingungen in Afghanistan schaffen. Vor dem Hintergrund entsprechender Resolutionen des UN-Sicherheitsrates werden im Rahmen von Counter Insurgency (COIN)- Operationen die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die afghanische Bevölkerung ihr Vertrauen in die eigene Regierung festigt und der weiteren Entwicklung des Staates zuversichtlich gegenüber steht.

Die COIN-Strategie umfasst hierbei die folgenden Kernbereiche:

  1. Unterstützung der GIRoA im Schutz der eigenen Bevölkerung durch gemeinsame militärische Operationen im Combined/Joint Team mit dem Ziel des Ausschaltens von militanten oppositionellen Kräften (INS) und kriminellen Netzwerken.
  2. Verbessern der Professionalität, von Fähigkeiten und Kapazitäten der ANSF durch Weiterentwicklung von Führungskompetenz, operativen Führungsstrukturen sowie der Ausrüstung und Ausbildung der ANSF.
  3. Unterstützen der weiteren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sowie der staatlichen Regierungsfähigkeit und –kompetenz in allen politischen Verantwortungsebenen.

 

Langfristiges Ziel der COIN-Strategie ist es hierbei, eine schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die GIRoA (Transition) zu bahnen und unterstützend zu begleiten. Endstatus dieser Entwicklung soll ein sicheres und unabhängiges Afghanistan sein, dessen politische Entscheidungsebenen und - strukturen alle staatlichen Aufgaben nachhaltig und selbständig wahrnehmen können.

Warum JIAT-Einsätze?

Im Einsatz der internationalen Schutztruppe gegen die INS in Afghanistan kommt der Vermeidung von Opfern unter der Zivilbevölkerung (CIVCAS), bzw. den ANSF, eine herausragende Bedeutung zu. Von ISAF verursachte Opfer unter der Zivilbevölkerung haben in der Vergangenheit eine die Tragik des Einzelfalles deutlich überschreitenden, negativen Einfluss auf den gesamten ISAF-Einsatz gehabt. Eine Vielzahl von definierten Verhaltensregeln (Roules of Engagement, ROE) sowie detailliert festgelegte Eskalationsregeln für die Anwendung militärischer Gewalt (Escalation of Force, EOF) sollen dazu beitragen, dass es trotz der komplizierten Einsatzbedingungen möglichst nicht zu Opfern unter der Zivilbevölkerung, bzw. den ANSF kommt.

In der Vergangenheit sind aber trotz dieser Verhaltensregeln und Präventivmaßnahmen immer wieder unbeteiligte Zivilisten oder ANSF-Angehörige Opfer von ISAF-Militäraktionen geworden. Bei Vorliegen entsprechender Verdachtsfälle wird – auf Befehl des Commander IJC – ein Incident Assessment Team (IAT) eingesetzt, um die Fakten des Zwischenfalls sachgerecht zu dokumentieren, die Hintergründe zu bewerten sowie „Lessons Learned“ zu identifizieren. Hieraus werden dann ergänzende Handlungsanweisungen zur zukünftigen Vermeidung ähnlicher Vorfälle entwickelt. Das IAT führt aber ausdrücklich keine straf- oder dienstrechtliche Untersuchung durch. Diese findet – wenn geboten – unter nationaler Verantwortung und Leitung statt. Wird ein ANSF-Offizier oder ein afghanischer Polizeibeamter dem IAT zugeteilt, wird aus dem Incident Assessment Team (IAT) ein Joint(J)IAT (Abb. 2).

Photo Abb. 2: Das JIAT - mit einem afghanischen Kriminalbeamten und Sprachmittler - kurz vor dem Abflug zum Einsatzort.

Die Aufgaben des Sanitätsoffiziers im JIAT

Um Gerüchten und Spekulationen über die Anzahl der Opfer sowie die Art der erlittenen Verletzungen, bzw. deren Ursache vorzubeugen, wird dem (J)IAT in vielen Fällen ein Soldat mit medizinischem Sachverstand – im Regelfall ein Sanitätsoffizier - zugeteilt.

Opfer unter der Zivilbevölkerung oder den ANSF ereignen sich in den meisten Fällen während komplexer und unübersichtlicher Kampfhandlungen. Um eine sachgerechte Bewertung des Vorfalles zu ermöglichen, hat der medizinische Experte im JIAT primär zu klären, • wieviele Opfer durch die ISAF-Militäraktion zu beklagen sind,

  • wer tatsächlich für die Verwundungen oder Todesfälle verantwortlich ist (ISAF oder INS),
  • welche Verwundungsmuster vorliegen und ob daraus Rückschlüsse auf den Verursacher möglich sind,
  • ob die Erstbehandlung sowie die Rettungskette vom „Point of Injury (POI)“ zur weiteren chirurgischen Behandlung den ISAFStandards entsprochen hat,
  • ob die weitere Behandlung den gleichen Standards wie für verwundete ISAF-Soldaten entsprach,
  • ob gegebenenfalls eine Weiterbehandlung in medizinischen ISAF Behandlungseinrichtungen geboten ist und organisiert werden sollte (Abb. 3).

Photo Abb. 3: Ein durch ISAF-Waffeneinwirkung schwer verletzter afghanischer Polizeibeamter nach seiner operativen Versorgung im Militärhospital Herat.

Um unter den besonderen Bedingungen des Einsatzes in Afghanistan ein möglichst unverfälschtes Bild des Vorfalles vorzufinden, wird das JIAT schnellstmöglich – häufig innerhalb weniger Stunden nach der Meldung des Ereignisses – zusammengestellt und in Marsch gesetzt. Trotzdem gelingt es nur in wenigen Fällen, die getöteten Zivilisten oder ANSF-Angehörigen persönlich zu untersuchen. In Afghanistan ist es unabdingbare Pflicht der Familie, den Verstorbenen innerhalb von 24 Stunden zu beerdigen. Eine Verzögerung – z.B. um eine Untersuchung des Leichnams zu ermöglichen – ist nicht hinnehmbar. Vor diesem Hintergrund basieren die Daten zu den verstorbenen Opfern sehr häufig nur auf den Aussagen von Zeugen oder den – oftmals spärlichen - Dokumenten der ANSF, bzw. des zivilen afghanischen Gesundheitssystems. Eine verlässliche medizinische Befundaufnahme und Bewertung ist meistens nicht mehr möglich.

Wesentliche Aufgabe des Arztes im JIAT-Team ist es zudem, die im Rahmen von ISAF-Militäraktionen verwundeten Zivilisten und ANSF-Angehörigen in den jeweiligen medizinischen Behandlungseinrichtungen aufzusuchen. Unter Zuhilfenahme von Sprachmittlern werden – wenn möglich – die Patienten selbst oder aber die behandelnden Ärzte zu Art und zum Ausmaß der Verwundungen befragt. Hierbei ist es bedeutsam, Befunde zu sichern, die eine Aussage zur wahrscheinlichen Ursache der Verwundung ermöglichen. Wurde diese durch ISAF-Einwirkung verursacht, erhält der Betroffene neben einer Entschädigung auch die Möglichkeit der Behandlung in einer ISAF-Behandlungseinrichtung. Diese Kombination von Leistungen ist derart „verlockend“, dass gelegentlich versucht wird, afghanische Patienten, die nicht im Rahmen eines ISAF-Einsatzes verletzt wurden, als „Trittbrettfahrer“ zu platzieren (Abb. 4).

Photo Abb. 4: Röntgenbild eines afghanischen Zivilisten, dessen Unterschenkelfraktur – tatsächlich zugezogen im Rahmen eines Arbeitsunfalls – als Folge eines stattgehabten ISAF-Militäreinsatzes angekündigt war.

 

Solange die Verwundeten in ISAF- oder ANSFEinrichtungen behandelt werden, ist die Befragung und Untersuchung der Patienten unkompliziert möglich. In zivilen Krankenhäusern kann es aber sehr viel schwieriger sein, Zugang zu den Verwundeten zu bekommen. Viele zivile Krankenhäuser werden von nichtstaatlichen Hilfsorganisationen unterstützt, die es ISAF nicht erlauben, ihre Einrichtungen bewaffnet und in Uniform zu betreten. Ein zu enger Kontakt mit dem Militär wird als erhebliches Sicherheitsrisiko für die eigenen Mitarbeiter gewertet. Um dennoch Zugang zu den mutmaßlichen Opfern zu erhalten, muss dann – unter sorgfältiger Abwägung der Sicherheitslage und nationaler Restriktionen – das weitere Vorgehen geklärt werden.

Ähnlich kompliziert kann sich auch die Untersuchung von Kindern oder weiblichen Opfern gestalten. Hierzu ist es in den meisten Fällen notwendig, dass eine weibliche Person die Befragung oder Untersuchung durchführt oder ihr zumindest beiwohnt. In jedem Fall ist aber die Zustimmung eines männlichen Vormundes obligat. Stimmt er nicht zu, kann die Untersuchung oder Befragung nicht durchgeführt werden. In diesen Situationen ist großes Einfühlungsvermögen und kulturelles Verständnis gefragt, um den Zugang zu dem Kind oder der Frau doch noch zu ermöglichen. Neben der Befragung und Untersuchung der Opfer kommt der Bewertung der durchgeführten medizinischen Maßnahmen vom POI bis zur medizinischen Behandlungseinrichtung (MTF) eine große Bedeutung zu. Es wird anhand der Daten der POI-Dokumentation, des MedEvac-Protokolls sowie der Krankenhausunterlagen geprüft, ob die Verwundeten dem ISAF-Standard entsprechend behandelt wurden. Erscheint z.B. eine weitere Therapie in einer ISAF- oder ANSF-MTF medizinisch geboten, kann diese Option – sofern vom Patienten oder den Angehörigen gewünscht – eingeleitet werden.

Herausforderungen

Mit dem JIAT wird man Afghanistan weit eingesetzt, häufig in aktuell umkämpften Gebieten. Vor diesem Hintergrund ist eine seelische und körperliche „Fitness“ unabdingbar, um die Einsätze bewältigen zu können. Zudem stellt der unmittelbare Umgang mit Tod, Leid und Verwundung ein zusätzliches Belastungsmoment dar. Obwohl immer ein Maximun an Force Protection bereit gestellt wird, besteht eine erhöhte Gefährdung der eigenen Person. Das sichere Beherrschen der militärischen Grundfertigkeiten ist vor diesem Hintergrund unverzichtbare Voraussetzung, um verantwortungsbewusst an JIAT-Einsätzen teilzunehmen zu können.

Die medizinischen und sozio-kulturellen Herausforderungen, denen sich der Sanitätsoffizier im JIAT stellen muss, sind vielfältig. Er ist kein Forensiker, hat im Regelfall nicht viel Erfahrung mit Verwundungen und verfügt nur über die üblichen landeskundlichen Kenntnisse. Es ist deshalb wünschenswert, dass nur einsatz- und lebenserfahrene Sanitätsoffiziere im JIAT eingesetzt werden. Die Stellenbesetzungsplanung sollte diesem Umstand unbedingt Rechnung tragen.

Medizinische Herausforderungen können im allgemeinen leichter gemeistert werden als Defizite im kulturellen Verständnis der Menschen in Afghanistan. Aus unbeabsichtigtem Fehlverhalten kann sich vor allem im wenig geschützten zivilen Umfeld schnell eine akute Gefährdung entwickeln.

Trotz der oben genannten Herausforderungen und potentiellen Gefährdung habe ich persönlich jeden JIAT-Einsatz als positive Erfahrung empfunden. Sowohl der unmittelbare Kontakt mit den anderen ISAF-Nationen als auch mit der afghanischen Bevölkerung sowie ihren Lebensbedingungen hat mein Verständnis des Landes und unseres Einsatzes sehr erweitert.

Geführt von einem erfahrenen britischen oder amerikanischen Brigadegeneral, war ich Mitglied eines multinationalen Teams aus Experten unterschiedlichster militärischer Kompetenzbereiche. Die gemeinsame Arbeit und die gelebte Kameradschaft im Team machten die Einsätze zu „Highlights“, aus denen man mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen wieder nach Kabul zurückkehrte. Wenn dann die aus dem Einsatz abgeleiteten „Lessons learned“ dazu beitragen, die Zahl an unschuldigen Opfern unter der afghanischen Zivilbevölkerung weiter zu senken, haben die JIATEinsätze sowohl dem Land als auch unserem ISAF-Einsatz genutzt.

Zusammenfassung

Seit der Aufstellung des HQ IJC Kabul stellt Deutschland den DEP MEDAD/COS des Kommandos. Zu seinen Aufgaben gehört u.a. die Teilnahme an landesweiten JIAT-Einsätzen zur Untersuchung und Bewertung von Zwischenfällen mit einheimischen Opfern als Folge von ISAF-Militäraktionen. In einem sehr komplexen militärischen und kulturellen Umfeld trägt er mit seinem Einsatz dazu bei, dass die ISAF-Mission und die mit ihr untrennbar verbundene COIN-Strategy erfolgreich weitergeführt werden kann und die negativen Auswirkungen von tragischen Zwischenfällen mit zivilen Opfern gemindert werden.

Datum: 21.11.2011

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2011/3