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VON HUMANITÄRER HILFE BIS ZUR EINSATZCHIRUGIE

Leistungsspektrum und Bedeutung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr im Einsatz

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr blickt wie kaum ein anderer Bereich der Streitkräfte auf eine Einsatzhistorie zurück, die bis in die frühen Jahre der Bundeswehr zurückgeht. Bereits 1960 kamen erstmals Sanitätssoldaten im Rahmen der Erdbebenhilfe in Agadir, Marokko im Ausland zum Einsatz. Auch in den Folgejahren war der Sanitätsdienst bei der Bekämpfung von Großschadensereignissen, wie beispielsweise bei der Flutkatastrophe 1962 in Hamburg und Schleswig-Holstein, bei der Waldbrandbekämpfung 1975 in der Lüneburger Heide, bei der Schneekatastrophe 1979 in Schleswig Holstein bis hin zur Hochwasserbekämpfung 1997 an der Oder und 2002 an der Elbe eingebunden. Aber auch bei humanitären Einsätzen im Ausland war der Sanitätsdienst regelmäßig in maßgeblichem Umfang beteiligt, so auch mehrmals bei der Unterstützung der humanitären Hilfsmaßnahmen nach den verheerenden Erdbeben 1968 und 1976 in Italien, der Türkei und 1968 im Iran.

Auch in der heutigen Zeit ist der Sanitätsdienst weiterhin bei Großschadensereignissen im nationalen wie auch internationalen Bereich regelmäßig im Einsatz, zuletzt nach der Tsunamikatastrophe 2004/2005 in Südostasien, wo der Sanitätsdienst nach dem Einsatz in Kambodscha erneut die Führung inne hatte, und bei der Erdbebenhilfe in Pakistan 2005. Mit dem Einsatz im Rahmen der "United Nations Transitional Authority in Cambodia" (UNTAC) in Kambodscha vom 22. Mai 1992 bis 12. November 1993 waren es nach dem Wegfall des Ost-West-Konflikts die Sanitäter der Bundeswehr, die erstmals unter UN-Führung an der Seite multinationaler Partner in einem Einsatzgebiet ihren Auftrag erfüllten, das sich nicht nur geographisch und mit Hinblick auf die Entfernung vom Heimatland deutlich vom ehemaligen potentiellen Kriegsschauplatz in Mitteleuropa unterschied. Durch den Sanitätsdienst wurde ein Feldlazarett mit 60 Betten eingerichtet und betrieben, das neben den UN-Soldaten auch kambodschanische zivile Patienten versorgte. Insgesamt wurden über 3.500 stationäre Behandlungen und rund 11.000 ambulante Behandlungen durchgeführt. Der selbstlose Einsatz der Sanitätssoldaten fand seine Anerkennung in der Bezeichnung als "Engel von Phnom Penh".

Im Rahmen dieses Einsatzes kam es zu dem ersten Toten der Bundeswehr im Auslandseinsatz. Ein Feldwebel wurde im November 1993 auf offener Straße in seinem Fahrzeug erschossen. Dieser Einsatz vermittelte auch eine Vorahnung davon, wie sich über den Einsatz in Somalia und später auf dem Balkan der Charakter der Einsätze der Bundeswehr verändern würde. Nicht erst mit dem ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovo 1999, sondern auch bereits in Bosnien 1995/96 bei IFOR und in den folgenden Jahren bei SFOR hatte sich gezeigt, dass der Sanitätsdienst zwar in der Lage war, diese Einsätze sanitätsdienstlich zu unterstützen, aber in Hinblick auf Durchhaltefähigkeit und effizienten Einsatz aller sanitätsdienstlicher Kräfte der Bundeswehr umfangreicher Anpassungsbedarf bestand.

Die Berücksichtigung von Verwundeten und von gefallenen Soldaten, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und die daraus resultierenden politischen Einflüsse haben sich seit dem Wegfall der tatsächlichen oder auch nur empfundenen Bedrohung des kalten Krieges eklatant verändert. In einem Krieg, der durch die Bevölkerung unmittelbar erlebt und als existentiell bedrohlich empfunden worden wäre, konnte von einer gewissen Bereitschaft ausgegangen werden, Opfer und Verluste zu tolerieren. In einer Ära, in der die Heimat "am Hindukusch verteidigt wird" und in der seit dem Zerfall des Warschauer Paktes die Hoffnung und Erwartung einer konflikt- und kriegsfreien Zukunft in Europa dominiert, ist diese Toleranz und "Opferbereitschaft" massiv reduziert.

Die Hoffnung auf eine kriegsfreie Zukunft ist in Deutschland möglicherweise sogar stärker ausgeprägt als in anderen Bündnisnationen, da man den Albdruck der Bedrohung, unmittelbar an der geographischen und ideologischen Nahtstelle des Konfliktes lebend, deutlich intensiver empfand. Vor diesem Hintergrund ist ein System der sanitätsdienstlichen Versorgung, das darauf ausgerichtet ist, bei einem massiven Anfall von verletzten und verwundeten Soldaten lediglich das Überleben zu sichern, nicht mehr zeitgemäß und weder im allgemeinen Verständnis noch politisch akzeptabel. Während in der Phase des Kalten Krieges die Triage, die Sichtung und Priorisierung der Behandlung und des Transports mit dem Ziel, möglichst vielen Soldaten das Überleben zu sichern, angesichts des massiven Umfangs an zu erwartenden Verwundeten das dominierende und akzeptierte Leitprinzip darstellte, wird heute ein deutlich höherer Anspruch gestellt. In einer Zeit, in der Krieg im wesentlichen zu einem medialen Ereignis ("Krieg der Bilder") geworden ist, in der die Einsätze der Bundeswehr in der Öffentlichkeit mit der Erwartung begleitet werden, dass das Helfen, der humanitäre Aspekt im Vordergrund steht und selbst die Verwendung von Begrifflichkeiten wie "Gefallene" zu umfangreichen Diskussionen führt, in der die bundesdeutsche Bevölkerung in einem System der optimierten medizinischen Versorgung daran gewöhnt ist, die Grenze zwischen Krankheit und Tod immer weiter zu verschieben, wird mit Recht auch bei der medizinischen Versorgung von Soldaten nach Erkrankung oder Verwundung im Einsatz eine Behandlung erwartet, die im Ergebnis der Behandlung bei einem vergleichbaren Ereignis in Deutschland gleichkommt.

Dieser Anspruch an die sanitätsdienstliche Versorgung und ihre Ergebnisse ist keinesfalls ein Anspruch, der auf der Grundlage sanitätsdienstlicher oder medizinischfachlicher Ableitungen basiert. Er ist vielmehr eine Frage des Ethos und eine Forderung der politischen Raison, die in Form der Maxime der sanitätsdienstlichen Versorgung eine Zielvorgabe festlegt. Der sanitätsdienstlich- fachlichen Kompetenz kommt hierbei die Aufgabe zu, den Weg und die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der verantwortliche Führer mit den hierfür bereitgestellten Kräften und Mitteln im Rahmen von Einsätzen und Operationen diesem Anspruch gerecht werden kann.

Dies ist kein Novum. Es lag grundsätzlich schon immer in der Verantwortung des verantwortlichen militärischen Führers, alle Faktoren und Rahmenbedingungen bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen, einschließlich der Abwägung möglicher Verluste gegenüber der operativen Notwendigkeit, die die Inkaufnahme eines Risikos rechtfertigt. Wer sich entscheidet, Soldat zu werden, muss sich klar darüber sein, dass er sich für einen Beruf entscheidet, der im Vergleich mit den meisten zivilen Berufen im Einsatz mit einem höheren Risiko für Leib und Leben verbunden sein kann. Kein Soldat wird sich jedoch bereitwillig dieser existentiellen Gefahr aussetzen, wenn er nicht zu der Einschätzung kommt, dass für ihn bestmöglich gesorgt wird und er zumindest eine Chance hat, diese Bedrohung zu überleben. Hierfür ist es erforderlich, dass der Soldat darauf vertrauen kann, dass er eine adäquate Ausbildung und Einsatzvorbereitung erhält, dass geeignete Schutzmaßnahmen gewährleistet sind und insbesondere, dass eine professionelle sanitätsdienstliche Versorgung sichergestellt ist, die sich um ihn kümmert, wenn es darauf ankommt.

Allerdings sind diese Maßnahmen nicht nur eine Frage der Motivation der Soldaten, sondern auch im Hinblick auf die Akzeptanz von Verlusten in der bundesdeutschen Bevölkerung ein Aspekt der politischen Durchhaltefähigkeit und Glaubwürdigkeit. Dies gilt umso mehr angesichts von Einsätzen der Bundeswehr, die nicht mehr innerhalb von wenigen Wochen absehbar entschieden werden können, sondern gegebenenfalls über mehrere Jahre andauern können und in denen sich Bedrohungsszenare dramatisch intensivieren können. Das Spektrum der aktuellen wie auch der möglichen zukünftigen Einsätze ist ausgesprochen umfangreich und reicht von den derzeit aktuellen Einsätzen in Afghanistan und auf dem Balkan über die im Schwerpunkt maritimen Einsätze am Horn von Afrika und im Mittelmeer bis hin zu möglichen Einsatzszenarien im Rahmen der NATO Response Force (NRF) und der European Battle Group (EBG). Dieses umfangreiche Spektrum an möglichen Einsatzoptionen macht bereits deutlich, dass es weder möglich noch sinnvoll sein kann, für jede dieser Optionen vollkommen eigenständige oder individuelle Lösungsansätze zu entwickeln.

Es kommt vielmehr darauf an, Konzepte und Module zu schaffen, die jeweils auf die spezifischen Rahmenbedingungen und Besonderheiten der Einsätze ausgerichtet sind und in unterschiedlichen Kombinationen Anwendung finden können. Der Sanitätsdienst verfügt hierzu heute mit den luftbeweglichen Sanitätseinrichtungen des Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst (KSES), den Rettungsstationen und den Modularen Sanitätseinrichtungen (MSE) in den Sanitäts- und Lazarettregimentern über eine Auswahl an mobilen Einrichtungen, die diesen Anspruch an die Modularität erfüllen. Die breite Palette an unterschiedlichen Konfigurationen, in denen diese Elemente zum Einsatz kommen können, ermöglicht eine ausreichende Flexibilität, um unterschiedlichsten Einsatzszenarien gerecht werden zu können. Somit stellen die Verbände der Sanitätstruppe, die für den Betrieb der mobilen Sanitätseinrichtungen zuständig sind, sozusagen das Rückgrat der sanitätsdienstlichen Einsatzversorgung dar.

In den Einsätzen auf dem Balkan und in Afghanistan wurde aufgrund der absehbaren Längerfristigkeit der dortigen Einsätze für die sanitätsdienstliche Versorgung, erstmals mit dem Feldlazarett in Rajlovac und in der Folge mit den Rettungszentren in Kunduz und Feyzabad sowie mit dem Einsatzlazarett in Mazar- e-Sharif, Behandlungseinrichtungen in fester Infrastruktur geschaffen. Diese Einrichtungen haben sich nicht nur aufgrund der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten bewährt, sondern stellen auch eine kosteneffizientere Lösung dar, als der dauerhafte Betrieb in MSE. Die Einsatzlazarette werden häufig in plakativer Form mit einem Kreiskrankenhaus in Deutschland verglichen. Dieser Vergleich ist jedoch irreführend. In den Einsatzgebieten der Bundeswehr wird regelmäßig, und so auch im Kosovo und in Afghanistan, der Rückgriff auf eine zivile Gesundheitsinfrastruktur, vergleichbar der in Deutschland, nicht gewährleistet sein. Es ist daher weder praktikabel noch zielführend, Elemente wie ein Kreiskrankenhaus, das als funktioneller Teil des Gesamtsystems der Gesundheitsinfrastruktur in Deutschland eingebettet und optimiert ist, in den Einsatzgebieten aufzubauen. Der Leistungsumfang der Behandlungseinrichtungen richtet sich vielmehr danach, welche medizinischen Fähigkeiten unter Berücksichtigung von Faktoren wie der Bedrohungslage, zu erwartenden Verletzungsmustern oder der zeitgerechten Erreichbarkeit von weiterführenden Behandlungseinrichtungen im Einsatzgebiet und in der Heimat erforderlich sind. Aufgrund des Wiederaufbaus und der erwünschten Entwicklungen im zivilen Gesundheitssystem der Einsatzländer, die dann eine Abstützung auf Host Nation Support zulassen, sind hierbei auch im Verlauf der Zeit Anpassungen des Leistungsumfangs der Sanitätseinrichtungen möglich. Aus den aufgezeigten Gründen sind die Struktur und die Fähigkeiten der Sanitätseinrichtungen im Einsatz nicht vergleichbar mit Einrichtungen des Gesundheitssystems in Deutschland.

 

Fachliche wehrmedizinische Anforderungen an den Sanitätsdienst im Einsatz

Das Spektrum möglicher Erkrankungen, Verletzungen oder Verwundungen in den Einsätzen stellt hohe Anforderungen an das eingesetzte Sanitätspersonal. Unter physischer und psychischer Höchstbelastung müssen die Sanitäter in der Lage sein, komplexe Verwundungsmuster schnell und richtig zu diagnostizieren und unmittelbar zu versorgen. Nach der ersten Selbst- und Kameradenhilfe ist es das Ziel, die Patienten innerhalb von einer Stunde einer qualifizierten notfallmedizinischen Versorgung zuzuführen. Spätestens innerhalb der ersten 2 Stunden nach einer Verwundung sollten notfallchirurgische Maßnahmen erfolgen ("damage control surgery"), die weiterführende chirurgische Behandlung sollte bis maximal 4 Stunden nach dem Schadensereignis sichergestellt sein ("primary surgery").

Diese Zeitvorgaben sind eine wesentliche Grundlage der konzeptionellen Gestaltung sanitätsdienstlicher Einsatzversorgung. Sie resultieren aus Auswertungen notfallmedizinischer Erkenntnisse aus dem In- und Ausland. Obwohl traumatologische Erkrankungen durch Verletzungen und Verwundungen wegen der Komplexität der sanitätsdienstlichen Versorgung im Einsatz systembestimmend sind, dürfen andere Krankheitsbilder nicht außer Acht gelassen werden. Beispielhaft sind die Infektions- und Tropenkrankheiten, deren Management erhebliche Anforderungen an das Fachpersonal stellt. Es geht hier darum, einerseits dem einzelnen Patienten eine bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen, andererseits aber das beteiligte Personal und die Kontingente vor den teilweise hoch ansteckenden Erregern zu schützen und somit die individuelle und kollektive Einsatzfähigkeit nicht zu gefährden. Seit Neuestem werden dazu mobile Isolationseinheiten genutzt, die im Bedarfsfall vor Ort im Einsatzland in Betrieb genommen werden können. In allen Einsätzen mit sanitätsdienstlicher Beteiligung findet auch eine Versorgung der einheimischen Bevölkerung in Abstimmung mit den regionalen Gesundheitsbehörden und im Rahmen freier Kapazitäten statt. Dies trägt wesentlich zur Akzeptanz der internationalen Einsatzkontingente in der Bevölkerung bei, erfordert aber eine gründliche Vorbereitung des Personals, in der Grenzen und Möglichkeiten einer Versorgung der Bevölkerung vermittelt werden.

 

Verwundetentransport

Um diese hochwertige medizinische Versorgung von Soldaten im Einsatz gewährleisten zu können, bedarf es jedoch mehr als lediglich eine Auswahl an medizinisch professionell betriebenen und militärisch optimierten Behandlungseinrichtungen. Erst die Kombination mit einer Erstversorgung, zunächst unmittelbar durch die Kameraden vor Ort und schnellstmöglich durch notfallmedizinisch ausgebildetes Fachpersonal des Sanitätsdienstes, im Verbund mit der Fähigkeit des qualifizierten Verwundetentransports lässt hieraus eine funktionsfähige Rettungskette entstehen. Die entscheidenden Kriterien für den Erfolg dieser Rettungskette sind Qualität und Zeit. In den vergangenen Jahren war die Diskussion in militärisch-medizinischen Fachkreisen über zeitliche Vorgaben stark dominiert durch das Schlagwort der "Golden Hour". Hierbei ging es um die Frage, innerhalb welcher Zeit ein verwundeter Soldat der ersten notfallmedizinischen sowie chirurgischen Versorgung zugeführt sein muss. Aufgrund der Erfahrungen in aktuellen Einsätzen werden die zeitlichen Vorgaben zunehmend durch den Begriff der "Platinum Ten Minutes" ergänzt. Dies basiert auf der Beobachtung, dass insbesondere bei lebensbedrohlichen Verletzungen mit massiven Blutungen und Beeinträchtigungen bzw. Stillstand der Atmung der Qualität der unmittelbaren Versorgung durch die Kameraden vor Ort entscheidende Bedeutung für die Prognose des Überlebens und die Vermeidung von Folgeschäden zukommt.

Die Sicherstellung des bodengebundenen Verwundetentransports ist eine Kernverantwortung des Sanitätsdienstes. Um auch hier den veränderten Rahmenbedingungen heutiger wie auch zukünftiger Einsätze gerecht zu werden, wird durch Ausbildung von Rettungsmedizinern und -assistenten die personelle Qualifikation sichergestellt. Dies gilt vor allem für die notfallmedizinische Erstversorgung Verwundeter und Verletzter und den Transport in die aufnehmenden Behandlungseinrichtungen. Dabei spielen bewegliche Arzttrupps (BAT), die mit rettungsmedizinisch qualifizierten Sanitätsoffizieren besetzt sind, eine zentrale Rolle. Durch einen vorrangigen Abschluss von Ausbildungsmaßnahmen, die zivilen Standards folgen und gleichzeitig militärischen Besonderheiten der Einsätze Rechnung tragen, konnte die Zahl der rettungsmedizinisch qualifizierten Sanitätsoffiziere, die für die Einsätze als BAT herangezogen werden können, in den vergangenen Jahren erhöht werden. Das Ziel ist es, in den Einsätzen eine modern standardisierte notärztliche Versorgung flächendeckend und durchhaltefähig sicherzustellen. Diese Entwicklung wird im materiellen Bereich ergänzt durch die Beschaffung eines Spektrums geeigneter Plattformen für den qualifizierten Verwundetentransport, wie beispielsweise des DURO, des YAK und im Verlauf der kommenden Monate dem EAGLE IV in sanitätsdienstlichen Konfigurationen.

Die Beschaffung von schweren geschützten Verwundetentransportfahrzeugen auf Basis BOXER ist ab 2010 geplant. Gerade aber im Einsatz in Afghanistan zeigt sich, dass den Forderungen an einen zeitgerechten Verwundetentransport in die erforderliche Behandlungseinrichtung aufgrund der Ausdehnung des Einsatzgebietes wie auch der schwierigen geographischen Gegebenheiten im Hochgebirgsbereich mit bodengebundenem Verwundetentransport nicht überall entsprochen werden kann. Dies ist nur durch den Einsatz von Luftfahrzeugen in MEDEVAC- Konfiguration, hierbei insbesondere von Hubschraubern, zu gewährleisten. Während der Folgetransport von Verwundeten aus einer Behandlungseinrichtung in die nächsthöhere Ebene auch bereits in der Vergangenheit regelmäßig mit der CH-53 MEDEVAC durchgeführt wurde, gewinnt der Einsatz von Hubschraubern für den Ersttransport vom Ort der Verwundung zunehmende Bedeutung. Inzwischen sind wichtige Schritte zur Beschaffung dieser für den Einsatzauftrag essentiellen Transportmittel unternommen worden, weitere Entwicklungs- und Umsetzungsschritte müssen aber noch geleistet werden. Beim strategischen Lufttransport von Verwundeten aus den Einsatzgebieten nach Deutschland (STRATAIRMEDEVAC) haben sich Transportflugzeuge der Luftwaffe, die C 160 Transall, die CL 601 Challenger und der Airbus A 310 vielfach national und international bewährt. Die beeindruckenden Ergebnisse beim Langstreckentransport von teilweise intensivpflichtigen Patienten konnten auch deshalb erzielt werden, weil die Luftwaffe und der Zentrale Sanitätsdienst seit Jahren in diesem Bereich konstruktiv kooperieren und ihre Fähigkeiten aufeinander abstimmen (Abb. 3). Für den taktischen Verwundetenlufttransport im Einsatzland stehen heute in erster Linie die Mittleren Transporthubschrauber (MTH) CH 53 und wiederum die C 160 Transall zur Verfügung.

 

Streitkräftegemeinsame Leistungen im Einsatz

Eine funktionsfähige und bedarfsgerechte Rettungskette bildet die Voraussetzung für die Versorgung unserer Soldaten im Auslandseinsatz. Sowohl das Beispiel des Verwundetentransports innerhalb der Einsatzgebiete als auch der STRATAIRMEDEVAC aus den Einsatzgebieten in die Behandlungseinrichtungen in Deutschland, der sich in Zusammenarbeit zwischen Luftwaffe und Sanitätsdienst in den vergangenen Jahren vielfach bewährt hat, zeigen klar, dass diese Versorgung nur als streitkräftegemeinsame Leistungen erbracht werden kann. Das Kriterium der Streitkräftegemeinsamkeit dominiert nicht nur die klassischen Einsätze der Landstreitkräfte wie in Afghanistan.

Auch im maritimen Umfeld ergeben sich aktuell neue Qualitäten und ein sich wandelnder Auftrag auch für den Sanitätsdienst, wie es gerade der aktuelle Einsatz im Rahmen der EU-Operation ATALANTA am Horn von Afrika zeigt. In Seegebieten, die in ihrer räumlichen Ausdehnung größer als die Bundesrepublik Deutschland sind, operieren deutsche Schiffe teilweise in großer Entfernung zueinander sowie zu den nächstgelegenen Behandlungseinrichtungen. Dennoch gilt es auch hier, die zeitgerechte Kontinuität der Rettungskette in ihrer Gesamtheit sicher zu stellen. Denn auch bei maritimen Einsätzen behalten im Falle einer Verwundung oder Verletzung die dargestellten Grundkriterien "Qualität" und "Zeit" der durchgeführten sanitätsdienstlichen Versorgung selbstverständlich ihre Gültigkeit. Neben der Einführung der beiden Marineeinsatzrettungszentren (MERZ), die an Bord der beiden Einsatzgruppenversorger eingerichtet wurden, tragen auch die auf den Fregatten eingeschifften Bordfacharztgruppen diesem Anspruch Rechnung. Sie können zumindest zeitlich begrenzt eine notfallchirurgische Versorgung vor einer weiterführenden Behandlung leisten. Es ist allerdings erforderlich, die bestehenden Fähigkeiten lageangepasst und flexibel zu nutzen und gleichzeitig, ganz im Sinne des transformatorischen Grundgedankens, fortlaufend sowohl die Konzepte als auch die zur Verfügung stehenden Plattformen und Module auf ihre auftragsgemäße Eignung zu überprüfen, weiter zu entwickeln und zu ergänzen.

 

Zusammenfassung

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr im Einsatz hat eine eindrucksvolle Entwicklung und Professionalisierung durchlaufen. Sanitätspersonal wurde so ausgebildet, dass es im Rahmen der erteilten Mandate und den Anforderungen der Truppe folgend in kürzester Zeit eine hochwertige sanitätsdienstliche Versorgung aufbauen und bereitstellen kann. Parallel hierzu wurde auch das Material konsequent angepasst, um sowohl in schnellen Anfangsoperationen, wie auch in länger dauernden Folgeeinsätzen Wehrmedizin auf höchstem Niveau zu gewährleisten. Damit wird den umfangreichen Veränderungen im Einsatzspektrum der deutschen Streitkräfte Rechnung getragen und die Voraussetzungen für eine hochwertige sanitätsdienstliche Versorgung unserer Soldaten geschaffen. Dies ist nicht nur eine Verpflichtung, die wir unseren Kameraden schuldig sind, die zusammen mit ihren Angehörigen auf den Sanitätsdienst der Bundeswehr vertrauen. Sanitätsdienstliche Qualität stellt auch einen entscheidenden Faktor für militärische Handlungsfähigkeit und Flexibilität dar.

Das heute erreichte Leistungsniveau ist eine beachtliche Gemeinschaftsleistung aller Angehöriger des Sanitätsdienstes, auf die sie zurecht stolz sein dürfen, die allerdings phasenweise, insbesondere bei der Mangelressource Fachpersonal zu außerordentlichen Belastungen führt. Neben den ständig sich weiter veränderten Rahmenbedingungen des Einsatzes der Bundeswehr ist es auch dieser Aspekt, der uns dazu zwingen muss, den Stolz und das Vertrauen auf die erbrachten Leistungen als Auftrag und Motivation zu empfinden, uns kontinuierlich weiter zu entwickeln. Hierzu sind weiterhin alle Angehörige des Sanitätsdienstes aufgefordert, in konstruktiver Form ihren Beitrag zu leisten. Die sanitätsdienstliche Versorgung in den Auslandseinsätzen ist ein entscheidendes Kriterium der Motivation unserer Soldatinnen und Soldaten. Die Verantwortung für eine hohe Professionalität in personeller wie auch materieller Hinsicht liegt im Kern klar beim Sanitätsdienst.

Eine funktionsfähige Rettungskette als Herzstück der sanitätsdienstlichen Versorgung integriert aber mehr als nur Behandlungseinrichtungen und den bodengebundenen Verwundetentransport des Sanitätsdienstes. Erst das streitkräftegemeinsame Zusammenwirken der abgestimmten und ebenengerechten Ausbildung vom Ersthelfer in der Truppe bis hin zum klinischen Facharzt, der Verfügbarkeit von luft- wie auch seegestützten Plattformen, und insbesondere das Bewusstsein einer streitkräftegemeinsamen Verantwortung hierfür, schaffen die Voraussetzung, dass unsere Kameraden auch im Einsatz eine sanitätsdienstliche Versorgung erhalten, die im Ergebnis der Behandlung nach einem vergleichbaren Ereignis im Heimatland entspricht.

Datum: 10.01.2010

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2010/1