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DAS “DIRTY DOZEN“

Zusammenfassung eines Vortrages, gehalten am 16.12.2008 anlässlich des 1. Veterinärmedizinischen Symposiums der Bundeswehr in München

Die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2003 haben die internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung, einschließlich des Kampfs gegen den internationalen Terrorismus, an die erste Stelle des Aufgabenspektrums der Bundeswehr gerückt. Dabei wächst auch das Risiko, militärischen oder terroristischen Angriffen mit biologischen Kampfmitteln ausgesetzt zu werden, wobei letztere Gefahr wesentlich größer einzuschätzen ist.

Die möglichen Ziele eines B-Angriffs sind vielfältig. Nicht nur direkte Anschläge auf militärische Verbände, sprich Bundeswehreinheiten oder Verbündete sind denkbar, sondern auch Konfliktparteien, die Bevölkerung im allgemeinen, oder Tierbestände könnten Ziel eines Anschlags werden. Die Folgen eines Biowaffeneinsatzes zeigen sich als ungewöhnliche Krankheitsausbrüche, deren Ursache zu ermitteln ist. Aufgrund der Möglichkeit des natürlichen Vorkommens des jeweiligen Erregers muss zwischen natürlichen und artifiziellen Ausbrüchen unterschieden werden. Neben Verlusten und krankheitsbedingten Ausfällen wird die Bindung medizinischer Kapazitäten und die Bewegungseinschränkung der Truppe die militärisch-operativen Möglichkeiten deutlich beeinträchtigen. Politisch gesehen kann es zur Konfliktschürung, zur Diskreditierung Beteiligter und zu anderen Folgen kommen.

Unter diesen Umständen benötigt die Bundeswehr den Medizinischen B-Schutz, um die Gesundheit ihrer Soldaten in biologischen Gefährdungslagen zu erhalten und wiederherzustellen.

Die Kernaufgaben des Medizinischen B-Schutzes sind:

  • durch biologische Kampfstoffe ausgelöste Gesundheitsstörungen, rasch und zweifelsfrei zu diagnostizieren, wirksam zu behandeln oder mit Hilfe von Impfungen und vorbeugenden Gaben von Antibiotika zu verhüten.
  • bei ungewöhnlichen Krankheitsausbrüchen, einen möglichen gegnerischen Einsatz von biologischen Kampfstoffen medizinisch aufzuklären und im forensischen Sinne zweifelsfrei zu verifizieren.
  • biologische Wirkungsherde nach einem tatsächlichen Angriff mit B-Kampfstoffen zu kontrollieren und Epidemien durch geeignete seuchenhygienische Maßnahmen zu verhindern.

Die Erfüllung der genannten Kernaufgaben setzt eine unmittelbare Urteils- und Handlungsfähigkeit voraus. Zu diesem Zweck wurde das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr im August 2002 in eine selbständige Dienststelle umgegliedert. Es betreibt Ressortforschung und hat die Leitfunktion in der speziellen Diagnostik von B-Gesundheitsstörungen und in der medizinischen Aufklärung sowie Verifizierung ungewöhnlicher Krankheits- und Todesfälle.

Photo Gegenstand der anwendungsorientierten Forschung sind Erreger, die unter dem Begriff „dirty dozen“ zusammengefasst werden. Es handelt sich um Agenzien, die schon in früheren B-Waffen-Programmen munitioniert wurden. Sie sind in der Natur relativ selten und rufen z.T. lebensbedrohende, schwierig zu behandelnde Krankheiten hervor, wie Pest, Milzbrand oder Tularämie (siehe Abbildung).

Ein Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungsarbeit am Institut ist die Entwicklung neuer diagnostischer Verfahren zum Nachweis dieser Erreger. Resultierende Produkte finden unmittelbare Verwendung in der speziellen Diagnostik und in der Medizinischen B-Aufklärung. Mit Produkten sind z.B. solche Nachweisverfahren gemeint, die es erlauben, unter Feldbedingungen eine Aussage über das Vorhandensein eines bestimmten Erregers oder einer Infektion zu treffen. Idealerweise lässt sich das Ergebnis eines solchen Nachweises mit dem bloßen Auge, z.B. anhand des Auftretens eine farbigen Linie auf einem Teststreifen oder von farbigen Flecken auf einem Makrochip ablesen.

Um das Know-How und die diagnostischen Fähigkeiten auch bei biologischen Gefährdungslagen vor Ort einsetzen zu können, stellt die Teileinheit Medizinische B-Aufklärung und Verifizierung eine verlegefähige Diagnostik sicher. Der modulare Aufbau ermöglicht die Entnahme von Untersuchungsproben, aber auch eine Vor-Ort-Diagnostik. Damit kann auf verschiedene Szenarien schnell und mit der erforderlichen Spezialisierung reagiert werden. Im Rahmen der Inübunghaltung werden diese Fähigkeiten regelmäßig bei Übungen und Ausbruchsuntersuchungen in Deutschland und im Ausland eingesetzt.

Einer weiterer Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungsarbeit unseres Instituts ist die Entwicklung von Verfahren und Datenbanken zur Typisierung von B-Erregern, kurzum Verfahren, die man unter dem Schlagwort Bioforensik zusammenfasst. Die molekulare Typisierung von Stämmen und das Vorhalten großer Stammsammlungen dient dem Nachweis von Stammunterschieden auf der molekularen Ebene und dem Erstellen von Stammbäumen, die die Verwandtschaftsbeziehungen der Stämme widerspiegeln. Unbekannte Isolate können aufgrund ihres „genetischen Fingerabdrucks“ eingeordnet werden, was Aussagen über ihre Herkunft ermöglicht.

Die nationale und internationale Forschungskooperation ist für das Institut unerlässlich. Im militärischen Rahmen dient sie der Bildung eines militärischen Biodefense-Netzwerks mit den NATO-Partnern. Darüber hinaus werden Forschungskooperationen mit Institutionen in Ländern unterhalten, wo die uns interessierenden Erreger natürlicherweise vorkommen, um z.B. Stämme zu erhalten oder Neuentwicklungen vor Ort testen zu können.
 

Datum: 13.01.2009

Quelle: Wehrmedizin und Wehrpharmazie 2009/1